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Kommentar zur Aufhebung der Reisewarnung: Urlaub mit Corona

Kommentar zur Aufhebung der Reisewarnung : Urlaub mit Corona

Die Aufhebung der Reisewarnung für den größten Teil Europas ab Mitte Juni ist sicher. Wer seinen Koffer packt, muss den Vorsatz zum umsichtigen Umgang mit Menschen außerhalb der eigenen Familie mit hineinlegen und noch vor den Badetüchern herausholen, kommentiert Gregor Mayntz.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es einen direkten Weg vom Après-Ski in Ischgl zum Besäufnis am Ballermann geben wird. Im österreichischen Wintersportort waren Anfang März die Corona-Gefahren nicht ernst genug genommen worden. Die Party wurde zum Epizentrum für die Pandemie in Europa. Jetzt müsste eigentlich jeder, der sich aufs Feiern an den Stränden der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca freut, mitbekommen haben, welche schwerwiegende Folgen Leichtsinn haben kann. Viele Ischgl-Urlauber sind erkrankt, haben ihre Liebsten angesteckt und dem Tod ins Auge geschaut.

Wer seinen Koffer packt, muss deshalb den Vorsatz zum umsichtigen Umgang mit Menschen außerhalb der eigenen Familie mit hineinlegen und noch vor den Badetüchern herausholen. Leider zeigen die Bilder vom Pfingst-Event auf dem Landwehrkanal in Berlin, dass das Bewusstsein vieler feierwütiger Szenegänger im Ischgl-Format stecken geblieben ist: Hunderte vergnügten sich dicht an dicht auf Gummibooten, als gelte es, den endgültigen Sieg über Corona zu feiern.

Deshalb ist es richtig, dass die Regierung den Verzicht auf Reisewarnungen mit dem Hinweis auf das fortbestehende Risiko verbunden hat. Sie hat es verstärkt mit der Erklärung, nicht noch einmal Hunderttausende Gestrandete nach Deutschland zu holen. Und sie hat die formale Reisewarnung durch die grundsätzliche Warnung ersetzt, dass auch kurzfristige Reisepläne jederzeit zerstört werden können, wenn das Infektionsgeschehen am Zielort oder auf dem Reiseweg die tolerierbaren Marken übersteigt.

Dahinter steckt das Tauziehen zwischen Virologen und Ökonomen. Die einen wollen auf Nummer Sicher durch die Pandemie, die in ihrer möglichen Wucht immer noch sehr am Anfang steht. Die anderen sehen die Gefahr kollabierender Volkswirtschaften. Denn manche Urlaubsregionen sind doppelt getroffen: Das Virus hat etwa Spanien besonders viel Krankheit und Tod gebracht. Zugleich leben ganze Regionen der iberischen Halbinsel überwiegend vom Tourismus. Die dauerhafte Kraft zum Erhalt des Gesundheitssystems hängt daher auch davon ab, ob die Touristen kommen.

Es wird auf absehbare Zeit kein Ende der Corona-Gefahren geben. Auch wenn Medikamente zur Behandlung und Impfstoffe zur Vermeidung von Covid-19 verfügbar sind, bleiben weltweit Millionen Menschen von Krankheit, Leiden und Tod bedroht. Und in diesem Sommer sind alle Mittel und Möglichkeiten noch unerreichbar. So sehr sich viele danach sehnen, dass es wieder so wie vor Corona sein möge, so eindeutig wird sich das nicht durch das Umlegen eines Schalters ergeben. Deshalb tun die Reisenden der Sommersaison 2020 gut daran, sich vor Augen zu halten, dass sie nicht Urlaub von Corona machen, sondern nur Urlaub mit Corona.