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Kommentar: Wahl in Griechenland - Mehr Respekt!

Kommentar : Wahl in Griechenland - Mehr Respekt!

Mit Spannung schaut die europäische Politik auf die Wahlen in Griechenland. Wobei das Urteil über den möglichen Wahlsieger Alexis Tsirpas schon gefällt ist.

Ein linker Träumer sei er, lautet eine gängige, wenngleich noch vergleichsweise wohlwollende Floskel. Ein Extremist, sagen manche deutlicher. Ein Wahlsieg seiner "Syriza" wäre eine Art untergangstrunkene Wirklichkeitsverweigerung der Griechen.

Allen diesen schnellen und das Weiterdenken ersparenden Urteilen mangelt etwas, das im Umgang mit Griechenland immer schon selten zu finden war - Respekt vor den griechischen Bürgern. Das alles sagt sich so leicht: Die Griechen müssten ihre Hausaufgaben machen, müssten eben nun die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt hätten. Keine Leistung ohne Gegenleistung. Floskeln. Es lohnte sich, genauer hinzuschauen, um das Wahlergebnis vom Sonntag besser zu verstehen.

Denn es ist eben alles nicht so einfach, wie die vorgestanzten Denkmuster suggerieren. Griechenland sieht im sechsten Krisenjahr noch immer kein Land. Und zwar nicht, weil sich die Griechen den Vorgaben von EU, EZB und Währungsfonds halsstarrig verweigert hätten. Es hat weitreichende, sicher längst überfällige, Reformen gegeben, vor allem im öffentlichen Dienst.

Eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten aus Oxford und Cambridge - kaum Brutstätten linksutopischer Ideologien - hat soeben die Auswirkungen der weitreichenden Einsparungen im griechischen Gesundheitssektor beschrieben. Die Kreditgeber hatten bestimmt, wie sehr der Gürtel hier enger zu schnallen war. Sechs Prozent der Wirtschaftsleistung sollten höchstens in diesen Bereich fließen - in Deutschland sind es elf.

In Griechenland wurden Vorsorgeprogramme gekürzt oder gestoppt, Ärzte und Kliniken führten hohe Gebühren ein - in einem Land, in dem der Durchschnittsbürger seit Beginn der Krise ein Drittel seines Reallohns verloren hat, sollte er überhaupt noch Arbeit haben. Wer keine hat, verliert nach zwei Jahren den Schutz der Krankenversicherung. Das betrifft 800 000 Griechen.

Die Klinikbudgets sanken um ein Viertel, die Ausgaben für Medikamente um die Hälfte. Die Effekte der Sparpolitik im Gesundheitswesen beschreiben die Forscher so: Die Säuglingssterblichkeit ist um 43 Prozent gestiegen, in den vier Jahren zwischen 2008 und 2011 allein stieg die Zahl der Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht um mehr als 20 Prozent. Die Zahl der Depressionen hat sich verdoppelt, die der Suizide stieg um 45 Prozent.

Wer glaubt, den Griechen könne man ein endloses Verharren in der Austeritätspolitik zumuten, verschließt die Augen vor der Realität. Man muss keineswegs mit den Konzepten eines Alexis Tsipras sympathisieren, um das zu erkennen. Ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum würde als Katalysator für die eurokritischen Stimmen in Großbritannien wirken.

Sollten sich die Briten per Plebiszit aus der Europäischen Union herauswählen, würden ähnliche Stimmen überall laut und das Friedensprojekt Europäische Union geriete in ernste Gefahr. Man wird also mit der neuen griechischen Regierung verhandeln müssen - auf der Grundlage eines nüchternen Blickes auf die traurigen griechischen Realitäten.