Kommentar Wahlkampf in den USA - Suboptimal

Tampa sollte der Startschuss für einen Triumphzug werden, der mit der Schlüsselübergabe im Weißen Haus endet. Im Moment sieht es eher nach Waterloo aus, wenn die US-Republikaner ab Montag in Florida ihre Krönungsmesse für Mitt Romney feiern wollen.

Erst kommt ans Tageslicht, dass ein aufstrebender Kongressabgeordneter, so wie Gott ihn geschaffen hat, angeschickert in den See Genezareth gestiegen ist, über den weiland Jesus gewandelt sein soll. Dann bringt ein entschiedener Abtreibungsgegner und strategisch wichtiger Kandidat für den Senat im Fernsehen Unerhörtes zum Reiz-Thema Vergewaltigung zu Gehör, in dem er darüber fantasiert, dass geschändete Frauen eine körpereigene Blockade gegen unwillkommene Spermien aufbauen können. Und jetzt hat sich auch noch ein Hurrikan in der Karibik reisefertig gemacht, der den Versammlungsort der vereinigten Obama-Gegner tüchtig nass machen könnte. Suboptimal.

Was tun? Den Nacktbader darf man unter "prüder liefen" abhaken. Das launische Wetter muss man am Ende nehmen, wie's kommt. Nur bei Todd Akin, dem Empfängnisverhütologen aus Missouri, ist die Lage wirklich prekär. Der 65-jährige politische Nobody kann, je nach Verlauf der nächsten Wochen, die Präsidentenwahl am 6. November mit entscheiden. Nämlich dann, wenn es Mitt Romney nicht gelingt, sich eindeutig von diesem Extremisten und der taufrischen Parteiprogrammatik glaubhaft abzukoppeln, die den galoppierenden Realitätsverlust in Worte fasst, unter dem die gesamte republikanische Partei leidet. Und damit das ganze Land.

Der Frauen verachtende Umgang mit der Abtreibungsfrage ist letztlich nur symptomatisch für eine Politik, die Ignoranz für eine Tugend hält und demokratische Entscheidungsprozesse am liebsten ganz vom lieben Gott gestalten lassen möchte. Anders sind politische Karrieren wie die von Sarah Palin, Donald Trump, Michele Bachman und Herman Cain nicht denkbar.

Es ist kein Zufall, dass es in der Regel Republikaner sind, die mit der Evolutions-Theorie ihre Schwierigkeiten haben, den globalen Klimawandel für eine böse Erfindung der Marketing-Abteilung von Greenpeace halten und Lesben und Schwule regelmäßig zur Therapie schicken möchten; aber nicht aufs Standesamt.

Die "Grand Old Party", einst Garant für die hohe Kunst des Kompromisses, hat sich kapern lassen von einem sektiererischen Zeitgeist, der in der Tea-Party-Bewegung seinen Niederschlag findet. Hier ist der Nährboden, auf dem Gedankengut wie das von Todd Akin und anderen Radikalen gedeiht. Diese Kreuzzügler polarisieren weiter das Land, in dem eine hyperideologisierte Medienwelt Enklaven der Dumpfheit schafft. Ein Ende ist nicht in Sicht. Himmel hilf.

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