Kommentar Weihnachten - Fürchtet Euch nicht!

Das Weihnachtsfest, ganz gleich, ob es christlich gefeiert wird oder nicht, ist ein Fest der Mitmenschlichkeit, der Begegnung, vielerorts auch der Liebe. Pegida ist das Gegenteil. Pegida grenzt aus, schürt Hass und damit Unmenschlichkeit. Die Initiatoren dieser Bewegung, die sich großspurig Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes nennt, wenden sich gegen eine Gefahr, die es nicht gibt - nämlich: die Islamisierung des Abendlandes.

Aber man kann ihnen nur begrenzt mit Argumenten kommen, etwa dem, dass in der Bundesrepublik keine fünf Prozent der Bürger Muslime sind. Im Gegenteil: Es ist geradezu auffällig, dass Pegida dort Zulauf hat, wo es keine Integrationsprobleme gibt, wo es viel weniger Ausländer gibt als anderswo. In Dresden zum Beispiel. Der frühere Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass dort, wo viele türkischstämmige Menschen leben, das Zusammenleben funktioniert - etwa im Ruhrgebiet.

Dennoch ist die Angst der Menschen, die sich hinter Pegida sammeln, ernst zu nehmen. Die Angst zum Beispiel, nicht mehr "Herr im eigenen Hause" zu sein, sich nicht mehr zu Hause zu fühlen. Bundespräsident Joachim Gauck hat dazu in seiner Weihnachtsansprache gute Sätze gesagt. Zum Beispiel den, dass Ängste ernst zu nehmen nicht heiße, ihnen zu folgen. Denn dadurch werde man "klein und mutlos".

Gegen diese Ängste helfen nur Information und eben Mut. Der Mut zum Beispiel, Grenzen zu überwinden, sich eben nicht abzuschotten, sondern hinzuschauen, was diese angeblich "Fremden", die zu einem großen Teil deutsche Staatsbürger sind, tun, wie sie leben. Information wiederum bedeutet Differenzierung.

Wenn Umfragen ergeben, dass fast jeder Zweite mit denen sympathisiert, die gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" und gegen die "Islamisierung des Abendlandes" demonstrieren, ist das wenig aussagekräftig. Denn im Zweifel lehnt jeder Bundesbürger den IS-Terror ab. Es ist die alte Perfidie: Radikale Agitatoren nehmen sich vermeintlich der Sorgen einer breiten Gruppe von Bürgern an und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. Wie radikal und menschenverachtend diese Agitatoren sind, konnte jeder hören, der beispielsweise bei den ersten Bogida-Demonstrationen in Bonn Ohrenzeuge war.

Es geht - im Kern - um eingebildete, um übertriebene Gefahren. Zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge. Keine 200 000 sind das in diesem Jahr. Weit weniger als in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Da wird eine gerechtere Verteilung in der EU angemahnt - womit nicht Hilfe für Italien gemeint ist: Läge Lampedusa in der Nordsee, wäre hier wirklich was los. Die Kritiker all dieser Flüchtlings-, Integrations- und Islamthemen tun so, als ob nichts geschähe.

Das ist ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit, Multikultiträumerei ist megaout. Nicht nur wegen der vielen Integrationsministerien oder -abteilungen, sondern gerade wegen der vielen ehrenamtlichen, oft kirchlichen Hilfsbemühungen. Deshalb ist auch der Satz von der political correctness und der angeblichen Tabuisierung eines Themas unzutreffend.

Und dennoch ist es ein Alarmzeichen, dass viele Bürger - rechtsradikaler Ansichten unverdächtig - so empfinden und sich damit alleingelassen fühlen. Eine Demokratie, bei der "die da unten" sich von "denen da oben" nicht mehr vertreten fühlen, hat ein Legitimationsproblem. Vielleicht sollte Angela Merkel einfach einige Male weniger sagen, etwas sei "alternativlos". Vielleicht muss Politik Politik besser vermitteln. Aber das alles darf kein Grund oder Vorwand sein, rechten Radikalen hinterherzulaufen.

Und deshalb ist es gut, dass sich dagegen Protest bildet. Deshalb ist es gut, dass Christen eindeutig sagen: Auf solche Demonstrationen gehen wir nicht. Deshalb ist es gut, dass der Zentralrat der Juden Muslime unterstützt. Die Freiheit der Religion ist im Grundgesetz so zentral verankert wie die Menschenwürde.

Da geht es nicht um irgendwelche Nebensächlichkeiten, da geht es um den Kern der deutschen Demokratie. Und auch um die zentrale Lehre der jüngeren deutschen Geschichte: Nie wieder Fremdenhass, Judenhass oder heute Muslimenhass und -hatz. Die vielen Menschen, die so denken und handeln (die, anders als die Sprecher von Pegida, für sich in Anspruch nehmen können: Wir sind das Volk), müssen sich allerdings gegen jene wenigen in ihren Reihen wehren, die ein agitatorisches Süppchen kochen wollen. Protest gegen Intoleranz kann nicht selbst intolerant werden.

Aber Deutschland muss ein weltoffenes, fremdenfreundliches, demokratisches Land bleiben. Ein Land, dessen Türen Flüchtlingen und Andersgläubigen offen stehen. Denn auch das ist die Botschaft von Weihnachten: Fürchtet Euch nicht!

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