Kommentar Weihnachtsbotschaft des Papstes - Schöne Bescherung

Was für ein Papst! Franziskus räumt auf, egal ob Sonn- oder Werktag, egal ob Feier- oder Trauertag. Am Montag im Vatikan hat er der Kurie die Leviten gelesen. Und damit nicht nur ihr, sondern allen, die im Dienste der katholischen Kirche stehen.

Die Rede reiht sich ein in eine mittlerweile lange Liste von schonungslosen Auftritten, die allesamt nur ein Ziel verfolgen: die Kirche wachzurütteln, sie zu befreien von überkommenen Strukturen, Vorstellungen und Lasten und sie so zurückzubesinnen auf ihre eigentliche Bestimmung. Die Form, in der der Papst das macht, ist in einem positiven Sinne anstößig. Er stößt an, ohne persönlich zu beleidigen. Aber die versteinerten Mienen der Kardinäle gestern im Vatikan zeigen an, dass Franziskus wieder einmal ins Schwarze getroffen hat.

Seine Rede hatte zudem den Vorteil, dass sie sehr plastisch, sehr verständlich, alles andere als akademisch war. Auf den Gedanken, "15 Krankheiten" der Kurie zu benennen, muss man erst einmal kommen. Teilen der Kurie dann spirituelles Alzheimer oder Pathologie der Macht oder Terror der Geschwätzigkeit vorzuhalten , verlangt Mut. Der Papst hat ihn.

Er geht in einer Weise unbeirrt einen Weg, der die Katholische Kirche dorthin zurückführt, wo sie hingehört. Nicht an den Hof, sondern in den Hinterhof - nicht zu den Reichen, sondern zu den Armen - nicht zu den Privilegierten, sondern zu den Entrechteten. Randbemerkung: Was würde Franziskus wohl zu Pegida sagen?

Die Botschaften des Papstes sind deshalb so bemerkenswert, weil sie so undiplomatisch sind. Es schert ihn nicht, wenn er Aufsehen erregt. Er will es so. Er will aufregen, weil er in den Jahren zuvor mit ansehen musste, dass akademische Formulierungen so wenig wie übertriebene Diplomatie irgendeine Wirkung haben. Anders gesagt: Die Härte seines Auftritts ist ein Spielbild der Verkrustungen in der Katholischen Kirche.

Und dabei geht es eben nicht darum, Grundsätze des Glaubens über Bord zu werfen. Das tut Franziskus nicht, und wer das von ihm erwartet, wird enttäuscht bleiben. Aber er entscheidet im Konflikt zwischen Dogma und Mitmenschlichkeit immer zugunsten der Menschen. Darin ist der neue Kölner Erzbischof seinem "Chef" in Rom sehr ähnlich, wenn Rainer Maria Woelki im aktuellen GA-Interview sagt: "Kirche ist nur Kirche wenn sie für andere da ist." Womit er übrigens den großen Protestanten und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zitiert.

Auch hier: Welch ein Wandel! Ein Mann Gottes, der sich mit Banken anlegt und für Flüchtlinge engagiert. Wenn das Beispiel Schule macht - und viele Anzeichen in der deutschen Bischofskonferenz sprechen dafür - dann muss einem um die Entwicklung nicht bange sein. Die anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften werden es mit Freude verfolgen.

Zum Tag passt auch die Veröffentlichung der Überlegungen der deutschen Bischöfe zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Sie sind keine Revolution, wohl aber eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Idee der Einzelfall-Lösung. Was auch im Umkehrschluss heißt: der Enttabuisierung. Auch da geht die Kirche mit der Lockerung einer unchristlichen Praxis einen richtigen Weg. Nimmt man das alles zusammen - und das alles geschah an einem Tag, so kann man tatsächlich sagen: Das ist eine schöne Bescherung zu Weihnachten 2014.

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