1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zu Homeoffice in der Corona-Krise: Willkommen daheim

Kommentar zu Homeoffice in der Corona-Krise : Willkommen daheim

Stuck an der Zimmerdecke, überquellende Regale und Kinder, die neugierig ins Bild linsen. In Zeiten von Corona erhalten wir per Videokonferenz einen Einblick in die Privatsphäre unserer Kollegen und Geschäftspartner. Ein Kurzessay.

Zeige mir, wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist. Frei nach diesem Motto galt es für viele immer schon als spannend, einen Blick in die Wohnung von Menschen zu werfen. Bisher war es dafür aber unabdingbar, dorthin eingeladen zu werden. Seit der Coronakrise ist das vorbei. Per Videokonferenz erhalten wir Einblick in die Privatsphäre unserer Kollegen und Geschäftspartner. Willkommen daheim.

Toller Stuck ziert die Decke über dem aus Hamburg zugeschalteten IT-Experten. Ungleich bescheidener konferiert der Kollege, der wegen des ebenfalls zu Hause weilenden Nachwuchses in den Keller ausweichen musste. Im Regal hinter dem engagiert diskutierenden Gesprächspartner reihen sich ganz offensichtlich die Ordner seiner Frau, einer Lehrerin. Ob er sie aus ihrem Büro vertrieben hat? Offensichtlich, denn in einer Pause huscht sie kurz durchs verwaiste Bild, um sich Material zu holen.

Neugierige Kinder, die von unten ins Bild linsen, bettelnde Hunde, die gar nicht glauben können, dass nur Büromaterial und gar nichts Schmackhaftes vor Herrchen oder Frauchen auf dem Tisch liegt, die Zaungäste der Besprechungen sind in diesen Tagen vielfältig. Das verleiht ernsten Meetings einen heiteren Touch und macht bis dato distanzierte Konferenzteilnehmer gleich viel nahbarer, wenn wir ihre Vorlieben für originelle Wanddekos kennenlernen. Oder den überdimensionierten Kopfhörer auf dem Kopf des Kollegen bestaunen. Während unsereiner sowas menschlich oder sogar sympathisch findet, ist in dem einen oder anderen Businessknigge dieser Tage nachzulesen, dass es sich empfiehlt, das Hintergrundbild der eigenen Wohnung weich zu zeichnen und so zu anonymisieren. Spielverderber, sagen sich die Selbstbewussteren unter uns.

Und spätestens nach Feierabend, wenn die Videokonferenz für die abendliche Verabredung mit Freunden zum Wein herhalten muss, stellt sich der Weichzeichner ganz von selbst ein. Dabei wäre es erst recht egal, denn die Menschen, die dann zugeschaltet werden, waren in besseren Zeiten oft genug da.