Kommentar zum Machtwechsel in Argentinien Zeitenwende

Auf den ersten Blick sieht Macris Sieg aus wie ein historischer Meilenstein, wie der Anfang vom Ende der linken Welle, die Lateinamerika ab der Jahrtausendwende erfasste. Zur Freude der einen, die das Ruder nun 180 Grad herumreißen wollen, und zum Bedauern der anderen, die einen Rückfall in finstere Oligarchien fürchten.

Näher betrachtet ist beides übertrieben. Zum einen hat der Sieg Macris eine sehr argentinische, historische Logik: In Boomzeiten regieren die Peronisten und werfen das Geld zum Fenster hinaus, die Krise dürfen die bürgerlichen Parteien auslöffeln, die dabei ihr politisches Kapital verspielen. Es gibt Analysten, die glauben, Cristina Kirchner liebäugele genau damit und warte nur auf den passenden Moment, um Macri zu destabilisieren. Die Frage ist, ob ihre peronistische Partei mitspielt oder ob die anderen Platzhirsche nicht langsam selbst das Heft in die Hand nehmen wollen. Das politische Pendel in Lateinamerika schlägt wieder nach rechts aus. Das ist demokratische Normalität.

Es ist kein Zufall, dass die Wende gerade dann passiert, wenn der Rohstoffboom auf den Weltmärkten sein Ende findet und das Geld in den Staatskassen knapper wird, mit dem die linken Regierungen in ihren Ländern erstmals so etwas wie einen Wohlfahrtsstaat aufgebaut haben, ohne gleichzeitig die Reichen mehr zur Steuerkasse zu bitten. Jetzt wird das Geld knapp, und Verteilungskämpfe stehen an.

Der Aufbau eines sozialen Netzes war eine historische Leistung, die den linken Parteien vermutlich auf lange Zeit hinaus eine treue Wählerbasis verschaffen wird.

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