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Kommentar zu den Folgen des Super Tuesday: Zerreißprobe

Kommentar zu den Folgen des Super Tuesday : Zerreißprobe

Der „Super Tuesday“ hat es in sich: Beim Vorwahl-Marathon der Demokraten gelingt Joe Biden die Aufholjagd zu Bernie Sanders. Die nächsten Etappen des Rennens werden ganz im Zeichen eines Duells stehen, kommentiert GA-Korrespondent Frank Herrmann.

Es ist fast 50 Jahre her, dass junge Amerikaner, wie sie diesmal Bernie Sanders zujubeln, einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten durchsetzten, der deutlich links von der Mitte stand. George McGovern zog ins Finale gegen Richard Nixon und hatte gegen den republikanischen Amtsinhaber nicht den Hauch einer Chance.

Wenn moderate Demokraten vor einem Sanders-Sieg bei den Primaries warnen, entwerfen sie ein Szenario, das in den Grundzügen an das Debakel von 1972 erinnert. Gewinnt der linke Senator das Bewerberrennen, mahnen sie, wird er im November den Zweikampf gegen Donald Trump genauso krachend verlieren wie einst McGovern. Sanders sieht das anders, er verspricht, Nichtwähler an die Wahlurnen zu bringen, vor allem Jüngere, die ihre Interessen nicht vertreten sehen, wenn das traditionelle Spitzenpersonal der Partei weiter die Richtung bestimmt. Zudem verspricht er, genau dort gegen Trump zu punkten, wo der Geschäftsmann 2016 die entscheidenden Stimmen gegen Hillary Clinton holte: in Michigan, Pennsylvania und Wisconsin, jenen Rust-Belt-Staaten, in denen der populistische Milliardär aus New York bei einer verunsicherten Arbeiterschaft Gehör fand.

Soll Sanders‘ Rechnung aufgehen, müsste er einer Studie zweier namhafter Soziologen zufolge jüngere Amerikaner, neben Latinos und Linken seine stärkste Stütze, in einem Maß mobilisieren, wie es 2008 nicht einmal dem umjubelten Hoffnungsträger Barack Obama gelang. Um glatte elf Prozent müsste die Wahlbeteiligung bei den Unter-35-Jährigen gegenüber 2016 steigen, damit Sanders eine Chance hat.   Eher unwahrscheinlich, sagen seine Gegner. Durchaus machbar, entgegnet Sanders.

Wie auch immer, , das die Demokratische Partei an den Rand der Spaltung treiben könnte. Joe Biden symbolisiert die Rückkehr zur alten Ordnung, wie sie vor Trumps Rebellion bestand. Für Anstand in der Rhetorik. Für eine Außenpolitik, die traditionelle Allianzen nicht infrage stellt. Und, dies ist der Kern: für Reformen, die im Grunde nur Trippelschritte nach vorn bedeuten, die aber dafür eine Chance haben, vom Kongress verabschiedet zu werden. Realismus oder Revolution: So simpel das klingt, es dürfte den weiteren Verlauf des Tauziehens zwischen Biden und Sanders bestimmen. Die Frage ist, ob die Demokratische Partei die Zerreißprobe halbwegs intakt übersteht.