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Kommentar: Zur Unesco: Welterbe in Schieflage

Kommentar : Zur Unesco: Welterbe in Schieflage

Am vergangenen Samstag veröffentlichte die islamistische Terrormiliz IS ein Video, in dem vor Hunderten Zuschauern 25 syrische Regierungssoldaten hingerichtet wurden. Ort des Massakers: Das Amphitheater der Unesco-Welterbestätte Palmyra. Eine Hinrichtung wie im antiken Rom.

Gleichzeitig tagten im Bonner WCCB rund 1200 Delegierte aus allen 191 Unterzeichnerstaaten, beschloss das Welterbekomitee, 24 Kultur- und Naturwelterbestätten neu in die Unesco-Liste aufzunehmen. Zum Start der Tagung hatte man noch eine "Bonner Erklärung", ein Plädoyer gegen die barbarische Kulturzerstörung durch den radikalen Islamismus, verabschiedet. Dann erschien das Video, quasi als makabre Erwiderung.

Hier der hehre Diskurs über das Welterbe im Bonner Plenarsaal, dort die Fakten, die verbrecherische Ideologen Tag für Tag schaffen, um den Westen mit seinen Werten ins Mark zu treffen. Hier Debatten über erhabene Kulturbauten und Naturphänomene von "außergewöhnlichem universellen Wert", dort das um sich greifende Kalkül um finanziell verwertbare Reiseziele. Am Great Barrier Reef etwa hängen 70 000 Jobs, am Riff-Tourismus mehr als drei Milliarden Euro Jahresumsatz.

Ist das seit 1978 laufende Unesco-Welterbe-Projekt noch zeitgemäß? Schon der Blick auf die Verteilung der mittlerweile 1031 Welterbestätten offenbart eine krasse Schieflage. Deutschland ist mit 40 Titeln unter den besten fünf Staaten im Unesco-Ranking, in ganz Afrika gibt es dagegen kein Land, das mehr als zehn Welterbestätten auf die Liste bringt. Nicht einmal Ägypten. Irak, eine Wiege der Menschheit im Nahen Osten, etwa rangiert weit abgeschlagen hinter Italien, die Wiege der europäischen Kultur. Es steht vier zu 51.

Ein Platz auf der Unesco-Liste hat primär nichts mit Qualität zu tun, sondern mit Geld. Dieses fatale Prinzip hat auch die 39. Welterbe-Sitzung in Bonn nicht brechen können. Zwar gibt es etliche Initiativen, diese Unwucht auf der Liste zu ändern, doch noch immer ist es so: Die Erstellung der Nominierungsunterlagen, die fachkundige Pflege und der Erhalt von Kultur- und Naturstätten verschlingen Mittel, die Schwellenländer und Staaten der Dritten Welt nicht aufbringen können.

Auch das Unesco-Welterbesekretariat gerät an seine Grenzen: Schon heute gibt es 80 Prozent seiner Mittel allein für die Evaluierung von Neuanträgen und die fortwährende Prüfung von Welterbestätten aus. Für Förderprogramme bleibt da wenig übrig. Das Programm ist aus den Fugen geraten: Waren die Gründerväter noch von maximal 100 Welterbestätten ausgegangen, befindet man sich jetzt bei 1031. Die Tendenz ist steigend, eine Inflationierung des Titels nicht ausgeschlossen.

Fazit: Das Projekt Welterbe ist reformbedürftig, aber angesichts der massiven Bedrohungen wirklich "alternativlos".