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Siegburg: Das kuriose Geheimnis hinter den defekten Blitzern

Starenkästen am ICE-Bahnhof : Das steckt hinter den defekten Blitzern in der Siegburger Fußgängerzone

In Siegburg stehen zwei Starenkästen vor dem ICE-Bahnhof - mitten in der Fußgängerzone. Wofür da sind und warum ihre Fotos nicht genutzt werden.

Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Die sind so kurios, dass sie als Filmdrehbuch zu unglaubwürdig klingen würden. Eine dieser Geschichten handelt von Starenkästen vor dem Siegburger ICE-Bahnhof. Man sieht ihnen an, dass sie inzwischen in die Jahre gekommen sind, und man stellt sich instinktiv die Frage: Sind die noch scharf geschaltet? Liefern sie noch Fotos? Und welcher Art Fotos sind das? Denn dort ist seit 20 Jahren Fußgängerzone. Rechnet tatsächlich jemand mit Autos, die da zu schnell fahren?

Die Antworten haben Überraschungspotenzial: Angefangen hat alles damit, dass Siegburg den Zuschlag bekam für den ICE-Halt Bonn an der neuen rechtsrheinischen Schnellzugstrecke zwischen Frankfurt und Köln. 2002 war die Jungfernfahrt. Seitdem ist der Siegburger Bahnhof der Knotenpunkt für Geschäftsreisende aus Bonn in die Welt.

Alles fotografieren, was sich bewegt

Klar, dass man auf den Gedanken kam, die Siegburger Fußgängerzone mit dem Bahnhof zu verbinden, ohne dass man eine viel befahrene Straße überqueren muss. Man wollte besser sein als die Bonner. Also widmete man die damalige Bundesstraße 8 an dieser Stelle um und legte sie autotechnisch trocken. Nun konnte man sie nicht einfach mit Baken sperren, weil ja noch Busse und Taxen durchfahren mussten.

Um aber zu verhindern, dass jedermann bis vor den Bahnhof fährt, baute man im November 2004 zwei handelsübliche Starenkästen auf. Nicht etwa, um zu flotte Fahrzeuge abzulichten. Die Kameras fotografierten einfach alles, was sich bewegte. Apropos Bewegung: Eigentlich war die Stadt Siegburg Urheberin der Sache, da es aber um den fließenden Verkehr ging, war der Rhein-Sieg-Kreis zuständig. Der erhielt in den ersten Monaten auch regelmäßig die Bilddaten und musste nun relativ aufwendig auswerten: War das fotografierte Fahrzeug berechtigt durchzufahren, oder nicht?

Schwerer Konflikt mit dem Gesetz

Es wurden übrigens auch alle Fahrradfahrer fotografiert. Und es gibt Informationen, dass ein Radler auf seinem Gefährt eine akrobatische Verrenkung gemacht hat, um mit seinem bloßen Gesäß für die Ewigkeit abgelichtet zu werden, was auch gelang. Allerdings war das Gesamtprojekt bald in Gefahr, denn nach gut zwei Monaten konnte die Stadt dem Kreis keine Bilddaten mehr liefern. Denn die beauftragte Hennefer Firma, die die Spezialkameras aufgestellt und die Aufnahmen weitergegeben hatte, geriet in Schwierigkeiten. Zunächst ließ die Qualität der Fotos zu wünschen übrig, dann versiegte der Datenfluss gänzlich. Im Januar 2005 wurde zum letzten Mal geliefert.

Das Problem: Der Unternehmer war in schweren Konflikt mit dem Gesetz geraten. Wie der Würzburger Oberstaatsanwalt damals bestätigte, war der Mann dort wegen gemeinschaftlicher Brandstiftung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Der Hennefer hatte zwei Männer engagiert, seinem Würzburger Geschäftspartner die Firma anzuzünden. Denn er hatte in Erfahrung gebracht, dass seine Lebensgefährtin ein Verhältnis mit dem Geschäftsmann pflegte.

Also fuhren die Männer für eine Entschädigung von 3000 Euro nach Würzburg und wurden in dem Gewerbegebiet tätig, gleich gegenüber der Justizvollzugsanstalt. Schaden: 500.000 Euro an Interieur und Computeranlagen. Rein zufällig wurde wenige Minuten nach der Tat eine Polizeistreife auf die Männer aufmerksam, „wegen ihres auffälligen Verhaltens“.

Kontrollen nicht mehr nötig?

Die Männer gestanden und nannten ihren Hintermann. Der kam nach dem Urteil in den offenen Vollzug in die JVA Euskirchen. Das ließ die Stadt Siegburg hoffen, dass bald alles wieder funktioniere. Die Hoffnung war unberechtigt. Eine aktuelle Anfrage bei der Stadt Siegburg ergab: Die Betreiberfirma hat damals Pleite gemacht. Die Starenkästen sind nicht mehr intakt. Heißt zu Deutsch: Sie stehen nur noch als mahnende Attrappe vor dem Bahnhofsgebäude.

Aber, so ist zu hören, sie seien auch nicht mehr notwendig. Das Ordnungsamt führe ab und zu Kontrollen durch. Und die Polizei sei am Bahnhof ohnehin praktisch dauernd präsent. Das Problem des unberechtigten Durchgangsverkehrs existiere einfach nicht mehr. Jetzt muss man allerdings aufpassen, dass die Kästen nicht wegrosten, sonst stellen sie eine Gefahr für die Fußgänger dar.