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Hochwasser-Schäden an Denkmälern: Jedes zweite Haus ist betroffen

Hochwasser-Schäden an Denkmälern : Jedes zweite Haus ist betroffen

Denkmalbehörden können nur eine lückenhafte Bilanz ziehen. Stiftung Denkmalschutz und Reemtsma Stiftung stellen Nothilfe von zwei Millionen Euro in Aussicht. Neben Denkmälern sind auch Museen betroffen, etwa das Freilichtmuseum in Kommern

Die Bilder sagen mehr als tausend Worte. Jedes zweite Haus in Bad Münstereifel steht unter Wasser, ist beschädigt. Viele Häuser stehen unter Denkmalschutz. Und viele Besitzer solcher Objekte rufen bei der in Bonn sitzenden Deutschen Stiftung Denkmalschutz an. In einem ersten Impuls hat die Stiftung eine Million Euro zur Verfügung gestellt, erzählt Pressesprecherin Ursula Schirmer, ganz spontan sei die Hamburger Hermann Reemtsma Stiftung mit einer weiteren Million eingestiegen. Weitere Spenden sind willkommen. In der Bonner Stiftung wird fieberhaft an einer Sonderseite auf www.denkmalschutz.de gearbeitet, wo sich Hochwasser-Opfer melden können und eine einfache Antragsstellung möglich ist. Auch Kommunen könnten sich melden, sagt Schirmer. Wobei es schwierig sei, den Kontakt etwa zu den Unteren Denkmalschutzbehörden und Landesdenkmalämtern herzustellen – ohne Internet und Strom.

Infrastruktur ist gestört

Eine Erfahrung, die auch Roswitha Kaiser, Landeskonservatorin von Rheinland-Pfalz, teilt: „Unsere Informationen sind lückenhaft“, sagt sie, „wir wissen, dass in Bad Neuenahr so gut wie kein Stein mehr auf dem anderen steht, die Untere Denkmalbehörde persönlich betroffen ist und auch die Arbeit der Kreisverwaltung momentan nicht existent ist.“ Sie wisse auch, dass die kleinen, entlegenen Dörfer noch gar nicht im Fokus stehen.

Momentan könne man erst wenig tun. „In Bad Neuenahr ist das ganze Gelände entlang der Ahr und das Areal der Landesgartenschau betroffen, die Brücken sind nicht mehr da,  die Kurgebäude sind beschädigt ...“, resümiert Kaiser, „die Lage ist unübersichtlich“. Gerade dort erreiche man die Untere Denkmalschutzbehörde nur über Privathandys. 

Die Generaldirektion Kulturelles Erbe in Rheinland-Pfalz hat im Mai 2020 eine 77 eng bedruckte Seiten umfassende Liste der Denkmäler des Kreises Ahrweiler herausgebracht. Legt man diese Liste neben Fotos bekannter Zerstörungen, wird die Dimension der Schäden erahnbar.

Stiftung Denkmalschutz richtet Hilfeportal ein

„Zurzeit sammeln wir nur, was eher zufällig zu uns durchkommt“, sagt Schirmer. Gleichzeitig werde das bundesweite Netzwerk der Stiftung von Architekten, Gutachtern, Statikern und Baufachleuten aktiviert. „Da werden wir einen Kontaktpool herstellen“, sagt sie, „diese Fachleute können wir vermitteln.“ Es gehe um Notsicherungen, Abstützungen, um Vorkehrungen, dass nicht bei der ersten Reinigung einzigartige historische Böden oder Wandverkleidungen gleich mit entsorgt werden. „Der historische Flair vieler idyllischer Orte mit Fachwerkhäusern ist auch eine wirtschaftliche Grundlage als Ausflugs- und Tourismusziel“, erläutert Schirmer die Zusammenhänge. „Es ist existenziell, dass der Reiz dieser Orte wiederhergestellt wird, und was jetzt in den nächsten Wochen passiert, kann Weichen stellen.“

„Man kann vieles tun“, sagt Schirmer, „wir versuchen, Mut zu machen.“ Und erinnert an die Erfahrungen in Pirna, wo 2002 und 2013 das Hochwasser zuschlug. Es gebe zurzeit sicherlich andere Prioritäten, was Infrastruktur oder Wohnungen angehe, aber die Denkmalsituation müsse jetzt „mitgedacht“ werden. Konkrete Schadens-Beispiele will Schirmer nicht nennen, da die bislang gemeldeten Objekte Privateigentum sind.

Man stehe noch ganz am Anfang, meint auch  Heiner Eckoldt, der Vorsitzende des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz Bonn/Rhein-Sieg/Ahr. „Die Menschen haben zurzeit andere Probleme“, meinte er, der entsetzt ist von den Zerstörungen. Claudia Radünz vom Bauamt der Stadt Rheinbach, sagte auf Anfrage, die Bauaufsicht sei vollauf mit der Prüfung einsturzgefährdeter Objekte beschäftigt, für Informationen über gefährdete Baudenkmäler sei es noch zu früh. Anfragen etwa bei der Dokumentationsstätte Regierungsbunker (laut Homepage: vorerst geschlossen) blieben bislang unbeantwortet.

Freiluftmuseum Kommern betroffen

Doch nicht nur Denkmäler sind betroffen, auch Museen standen unter Wasser. „Wenn ich sehe, was um uns herum passiert ist, haben wir noch richtig Glück gehabt“, sagt Josef Mangold, Direktor des Freiluftmuseums in Kommern in einer kurzen Pause während der Ausbesserungsarbeiten am Wegenetz. Das hat durch die Regenmassen stark gelitten. Ansonsten sieht die Bilanz des schwarzen Mittwochs nicht so schlimm aus wie befürchtet: Zehn Keller, zusätzlich zwei große Depoträume etwa für Metallexponate sind vollgelaufen, was insofern problematisch war, als noch am Abend der Strom ausfiel und mit ihm nicht nur die ganze Infrastruktur, sondern auch die Pumpen. Erst am Morgen konnten vollgelaufene Keller mit einem museumsreifen Feuerwehrwagen aus den 80ern ausgepumpt werden. Mangold ist noch immer ganz begeistert vom Engagement der Mitarbeiter und etlicher Helfer aus anderen Häusern des Landschaftsverbands Rheinland (LVR).

Der LVR ist mit drei Häusern in der Hochwasserstatistik vertreten: Nach den Regenfällen ist der Betrieb außer im Freilichtmuseum noch im LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach und Oelchenshammer des LVR-Industriemuseums in Engelskirchen entweder gar nicht oder nur eingeschränkt möglich. Glück hatte das Bonner LVR-Landesmuseum, dessen 1998 eingerichtetes Depot für archäologische Funde in Meckenheim unbeschädigt blieb, wie Pressesprecherin Stephanie Müller erzählte. 

Wassermanagement zeigt Wirkung

Dass in Kommern relativ wenige Schäden zu beklagen sind, führt Mangold unter anderem auf ein seit Jahren betriebenes Wassermanagement für die sechs Kilometer Wege zurück, wodurch gewährleistet wird, dass Regenwasser von den Häusern wegfließt. So konnte zum Beispiel die Baustelle für die „Brühler Milchbar“ vor den Wassermassen gerettet werden. Das in Brühl abgebaute und in Kommern aufgebaute Szenelokal soll am 20. August eröffnet werden.

Bis dahin müsse aber die Infrastruktur wieder in Ordnung sein, müssten der Server und die Kassen laufen, meinte Mangold. Gerettet wurden auch die Tiere von Kommern: Die Hühner und Enten, die Pferde, Ziegen, Schafe und zurückgezüchteten deutschen Weideschweine („Kommern-Schwein“) und Glanrinder wurden rechtzeitig von den Weiden in Ställe gebracht.

Dass nicht mehr passierte, ist der guten Vorbereitung geschuldet. „Bereits am Mittwoch hatten wir alle Gullys geprüft und eine Notbereitschaft installiert, die am Abend dann bereitstand“, erzählt Mangold, der sich nun freut, dass die Instandsetzungsarbeiten vorangehen. Die Stimmung ist dennoch gedrückt. Etliche Mitarbeiter des Museums haben Haus und Hof verloren. Mangold könnte sich auch jetzt nicht vorstellen, das Museum zu öffnen, „während draußen das Chaos tobt“. „Das würde in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen.“ Durch viele gesperrte Straßen ist der Zugang zum Museum ohnehin äußerst schwierig, wovon der in Bonn wohnende Mangold ein Lied singen kann.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Hermann Reemtsma Stiftung haben einen Nothilfefonds von zwei Millionen Euro aufgelegt und ein Spendenkonto eingerichtet. Informationen: www.denkmalschutz.de.