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Wenn Fassaden Wellen schlagen: Architekt Frank Gehry wird 90

Wenn Fassaden Wellen schlagen : Architekt Frank Gehry wird 90

Der US-amerikanische Architekt Frank Gehry feiert seinen 90. Geburtstag. Dass er bescheidener bauen kann, zeigte Frank O. Gehry 2001 am Pariser Platz in Berlin.

Rechte Winkel und nüchterne Kuben sind ihm ein Graus. So gleichen die Bauten von Frank O. Gehry schwungvoll verpackten Geschenken, deren gigantische Schleifen gern metallisch glitzern. Das nach wie vor spektakulärste Beispiel dieser entfesselten Architektur ist das 1997 eröffnete Guggenheim Museum in Bilbao. Titan, Glas und Kalkstein hat der Zampano hier so kühn modelliert, dass manche an einen gestrandeten Ozeandampfer, andere an einen dekonstruierten Palazzo oder schlicht an Fritz Langs „Metropolis“ denken.

„Wir brauchen eine Sydney-Oper. Unsere Stadt stirbt.“ So erinnert sich der Baumeister, der heute 90. Geburtstag feiert, an den heiklen Auftrag aus Nordspanien. Den hat er so brillant erfüllt, dass der baskische Krisenschauplatz von der hässlichen Industriebrache zum touristischen Hotspot avancierte. Seither spricht man vom „Bilbao-Effekt“, der fortan weltweit wiederholt werden wollte und dem Architekturstar übervolle Auftragsbücher bescherte.

Längst sind die zerknautschten oder surreal verzerrten, Wellen schlagenden oder gleichsam explodierenden Fassaden zum Markenzeichen des gebürtigen Kanadiers geworden. Was wohlwollende Betrachter als wiedererkennbare Handschrift rühmen, schmähen andere als geklonte Aha-Effekte.

Tatsächlich hat Gehry mit seinem „Tanzenden Haus“ in Prag 1996 schon die schunkelnden Bauten am Düsseldorfer Zollhof (1999) vorweggenommen, und die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles setzt ihre gleißenden Segel in demonstrativer Bilbao-Ästhetik.

Speziell entwickelte Computerprogramme

Wer dem US-Amerikaner also richtig böse will, vergleicht ihn nicht etwa mit dem Jugendstilgenie Antoni Gaudí. Sondern wie „Der Spiegel“ mit Friedensreich Hundertwasser, dem „farbenfrohen Kitschmeister der geringelten Säulchen und güldenen Häubchen“. Dabei hat sich Gehry immer dazu bekannt, „dass ich weiße Schuhschachteln nun einmal nicht mag“. Und seine Selbstzitate ändern wenig daran, dass diese eigenwilligen Gebäude ihre Funktion durchaus erfüllen – was man etwa nicht von allen Werken des spanischen Kollegen Santiago Calatrava sagen kann. Speziell entwickelte Computerprogramme dienen dazu, die organischen Formen bis in die letzte Krümmung exakt zu simulieren und berechnen. Die Foundation Louis Vuitton in Paris, das Biomuseo in Panama oder die im Bau befindliche Guggenheim-Filiale in Abu Dhabi belegen das weltweite Interesse an dieser doch angeblich so kurzlebigen Ausrufezeichen-Architektur.

In Deutschland debütierte der von Richard Serra und Claes Oldenburg inspirierte Baukünstler 1989 mit dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein, das ein wenig an eine Miró-Plastik erinnert. Hinzu kamen etwa das Zentrum für Kommunikation und Technologie in Bad Oeynhausen oder eine Siedlung in Frankfurt am Main, deren hoch gestapelte Zinkblechbalkone höchst futuristisch wirken. Doch selbst einer mit Pritzker-Preis und Praemium Imperiale geschmückten Branchengröße glückt nicht alles. Die Pläne für ein zweites, seinerzeit auf eine Milliarde Dollar geschätztes Guggenheim-Museum am East River in Manhattan wurden 2003 schließlich aus Geldmangel gestoppt.

Dass er bescheidener bauen kann, zeigte Frank O. Gehry 2001 am Pariser Platz in Berlin. Aufgrund der harten Vorgaben der Verwaltung schuf er für die DZ-Bank ein äußerlich neutrales Gebäude, das innen unter einer gigantischen Glaskuppel freilich eine bizarre Skulptur birgt, die von Besuchern wahlweise als „Qualle“, „Wal“ oder „Ritterhelm“ bezeichnet wird.

Und heute wird Frank O. Gehry wieder in Berlin sein, wo ihn ein Geburtstagskonzert in jenem Pierre-Boulez-Saal erwartet, den er nach einem Impuls seines Freundes Daniel Barenboim gebaut hat.