Neu im Kino: „Kraft der Utopie“ Architektur trifft Poesie

Bonn · Ausdruck der neuen Freiheit: Der Film „Kraft der Utopie“ feiert Le Corbusiers architektonisches Meisterwerk im indischen Chandigarh.

In den Straßen von Chandigarh. Szene aus dem Corbusier-Film.

In den Straßen von Chandigarh. Szene aus dem Corbusier-Film.

Foto: Verleih

Es ist eine bizarre Situation. Indien  war gerade nach blutigen Auseinandersetzungen, viel Leid und erfolgreichem, gewaltlosem Widerstand seine Kolonialmacht losgeworden. Das ehemalige Kolonialreich wurde in die Staaten Indien und Pakistan geteilt, was eine beispiellose Umsiedlung nach sich zog – 15 Millionen Menschen in Bewegung, die Wunden des britischen Kolonialregimes überall sichtbar. Und da holt sich der neue indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru einen Architekten aus dem Westen ins Land, um die Hauptstadt der heutigen indischen Bundesstaaten Punjab und Haryana zu bauen. Das führte zu Kritik.

Es war aber nicht irgendein Architekt aus der Alten Welt, sondern Le Corbusier, die Galionsfigur der westlichen Moderne – Vertreter des Beton-Brutalismus, wie seine Architektur genannt wurde, und des rechten Winkels. Strenger Rationalismus in einem Land, in dem wuselnde, wuchernde Städte die Regel bilden? 1951 wurde der Grundstein für die Planstadt Chandigarh gelegt: Der in der Schweiz geborene Le Corbusier und sein Mitarbeiter Pierre Jeanneret begannen mit einem großen künstlichen See und legten dann ein Schachbrettraster mit 56 Sektoren und einem siebenstufigen, hierarchischen Straßensystem an, das den Verkehr regulierte, ihn fließen ließ, wo die Lebensadern der Stadt waren, ihn bremste, wo die Menschen wohnten und ihre Ruhe brauchten.

Wolkenkratzer in der Peripherie

Ein Konzept, das heute noch funktioniert und sich von dem Szenario unterscheidet, das viele indische Großstädte bestimmt. Chandigarh sei noch heute eine Stadt, die um den Menschen herum gebaut wurde, heißt es in dem Film „Kraft der Utopie. Leben mit Le Corbusier in Chandigarh“ von Karin Bucher und Thomas Karrer – allerdings nicht mehr so, wie der Utopist Le Corbusier es geplant hatte. Denn in der für 500.000 Menschen gebauten Planstadt mit den großzügigen Parks wohnt heute eine Million (1,4 Millionen in und um Chandigarh). Und in den guten der 14 Haustypen leben nur noch die Reichen, während jenseits des Waldgürtels, der Chandigarh umgibt, hässliche Wolkenkratzer und Slums entstehen.

„Die Utopie ist die Realität von morgen“

Le Corbusiers Planstadt-Konzept ist selbst 70 Jahre nach der Realisation noch gut erkennbar – dank eines strengen Edikts des Architekten, das Verdichtung und große Eingriffe verbietet. Die Stadt ist Unesco-Weltkulturerbe, was insbesondere für den Regierungsbezirk Kapitol-Komplex gilt. Wie sehr sich der westliche Rationalismus der Moderne mit dem Lebensstil der Inder vermischt hat, vielleicht auch, was Le Corbusiers Utopie in den Köpfen und im Miteinander verändert hat, erzählt die brillante Dokumentation. Die ist weit mehr als ein Film über einen der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts und sein Projekt, „das Werk meines Lebens“. Vielmehr ein Film über Freiheit und Entfaltung, über die Poesie von Materialien, Licht und Farbe – und Menschen, die sich in diesen Bauten der Moderne sichtlich wohlfühlen. Gaukler, Straßenmusikanten und Tänzer, knallbunte Busse, heilige Kühe und Hunde, Fahrrad- und Autofahrer haben dieser Planstadt Leben eingehaucht, setzen das um, was Le Corbusier mit „Die Utopie ist die Realität von morgen“ meinte. Die Autoren des Films sprachen mit Künstlern und Architekten sowie etlichen Bewohnern der Stadt, die den Kinogänger mit in ihre Welt nehmen. Ein spannendes Abenteuer. Film-Matinee am 25. Februar, 11 Uhr im Bonner Rex. Rex

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