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Krimi-Buchtipp: Autor James Lee Burke führt Leser ins Herz der Finsternis

Krimi-Buchtipp : Autor James Lee Burke führt Leser ins Herz der Finsternis

Mehr als ein Krimi: James Lee Burke schaut mit seinem neuen Roman „Blues in New Iberia“ um Detective Dave Robicheaux in die Abgründe von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“

Desmond Cormier wirkt wie ein Posterboy des amerikanischen Traums: geboren in der Koje eines Sattelschleppers, als Indianer-Mischling verspottet, machte er eine spektakuläre Regiekarriere. Nun kehrt er aus Hollywood zu Dreharbeiten ins heimische Louisiana zurück. Detective Dave Robicheaux besucht ihn in seiner Küstenvilla, weil in der Nähe eine Frau geschrien haben soll.

Und durch Desmonds Super-Teleskop sieht der Cop ein auf dem Meer treibendes Holzkreuz mit einer weiblichen Leiche. Die Predigertochter Lucinda Arceneaux ist aber nur das erste apart drapierte Opfer einer langen Serie von Ritualmorden. Kaum kürzer: die Schar der Verdächtigen. Dazu zählen Cormier, sein reicher Produzent Lou Wexler und sein dubioser Handlanger Antoine Butterworth, der korrupte Polizist (und Zuhälter)  Axel Devereaux sowie der entflohene Sträfling Hugo Tillinger.

Schwerarbeit also für Robicheaux, den Kriminalisten im Sheriff-Department des Sumpfgebiets. James Lee Burke, 83-jähriger Großmeister des „Southern Noir“, überträgt seinem Helden hier schon den 22. Fall, und „Blues in New Iberia“ wird ein Horrortrip ins Herz der Finsternis.

Dschungel von Vietnam

Düsternis umgibt den dreifach verwitweten Detective ohnehin. Als trockener Alkoholiker kämpft er gegen die Verlockungen von Jim Beam & Co., sieht manchmal die Geister von konföderierten Soldaten durch die Mangrovenwälder streifen oder hört die panischen Rufe seiner Kameraden im Dschungel von Vietnam. Diesmal muss er sich zusätzlich um seine inzwischen erwachsene Adoptivtochter Alafair sorgen, die womöglich gefährlichen  Gefallen an Lou Wexler findet.

Es geht hier nicht zuletzt um Glanz und Elend Hollywoods, denn offenbar sind in Cormiers größenwahnsinniges Projekt auch Mafiagelder geflossen. Doch wie immer bei Burke rückt die reine Ermittlungsarbeit in den Hintergrund. Einerseits genießt man die Déjà-vus um Daves Knochenbrecher-Kumpel Clete Purcel, „eine Ein-Mann-Abrissbirne mit stählernen Dornen“, andererseits Rendezvous mit faszinierenden Figuren wie dem Feuerteufel „Smiley“ Wimple, der Blues-Sängerin Bella Delahoussaye oder Daves neuer Partnerin Bailey Ribbons.

Virtuose Landschaftsmalerei

Letztere konfrontiert den verliebten Polizeiveteranen mit der Torheit des Alters, „die niemanden verschont, sofern er nicht das Glück hat, jung zu sterben“. Ausgerechnet mit der aufreizend jungen Kollegin kommt zugleich eine vergangene, jenseitige Welt ins Spiel, denn ihre Schönheit erinnert Desmond an Clementine Carter aus John Fords Western „Faustrecht der Prärie“ von 1946.

Nach wie vor gönnt der Autor seinen Bayou-Schauplätzen eine virtuose Landschaftsmalerei und beklagt andererseits, dass das alte Louisiana der Zypressenhaine und Zuckerrohrplantagen in Müll und Industrieschlacken versinkt. Doch stärker denn je spürt man hier den Gris-gris, den bösen Voodoo-Zauber. Tarot-Motive scheinen eine magische Rolle in der Mordserie zu spielen, und die Irrlichter des Totenreichs flackern immer heftiger. Zeit und Geschichte sind hier nichts Sequenzielles, sondern eine Art Fluidum, in dem die Story vor- wie rückwärts schwimmt.

Wenn Dave seine längst verstorbenen Eltern auf der Straße sieht, daneben zwei Zombie-Mädchen mit Blumenkränzen, scheint er selbst schon nicht mehr zu dieser Welt zu gehören. Kein Zweifel, James Lee Burke schaut hier in die Abgründe von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“. Und er rückt seinen Helden ganz nah an den Fluss Styx und damit an jene Unterwelt, die gleichgültig gegenüber Mord und Totschlag ist.

James Lee Burke: Blues in New Iberia. Roman, aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger. Pendragon, 585 S., 22 Euro.