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Sänger Peter Brings im Interview: Brings: Die kölsche Definition von Rock ‘n‘ Roll

Sänger Peter Brings im Interview : Brings: Die kölsche Definition von Rock ‘n‘ Roll

Es geht immer weiter: Zwei Jahre nach der Silberhochzeit überrascht die Köln-Bonner Band Brings mit einem bemerkenswerten neuen Album. In einem Interview sprach Peter Brings über die Musik.

GA: In den sozialen Medien überschlagen sich die Lobeshymnen zum neuen Album. Überrascht?

Peter Brings: Ja, ich bin schon überrascht. Die Produktion eines neuen Albums wird mit den Jahren nicht unbedingt leichter.

GA: Wo klemmt es in der Regel?

Brings: Die Frage ist: Will man sich treu bleiben – oder neu erfinden.

GA: Auf Facebook postet die Verehrerin Steffi Marx, Peter Brings könne auch nur das Telefonbuch vorsingen, und es würde trotzdem wundervoll klingen.

Brings: Klar freue ich mich. Die Steffi ist ein Hardcore-Fan.

GA: Sie kennen sie?

Brings: Ja, Steffi reist der Band bei Konzerten hinterher, bastelt uns jedes Jahr einen Adventskalender. Vielleicht singe ich ihr demnächst das Telefonbuch vor.

GA: Den Titelsong „Liebe gewinnt“ hat Brings bereits im Sommer auf dem Bonner Kunst!Rasen vorgestellt. Der Text ist ein gesellschaftliches Statement. Was war der Auslöser?

Brings: Chaos, Krieg und Krisen überall auf der Welt – und in den Medien. Die Idee war: Man sollte Fernseher, Internet und Handy einfach ausschalten und wieder miteinander reden!

GA: Leiden wir an einer medialen Reizüberflutung?

Brings: Viele Zeitgenossen berufen sich heutzutage in Diskussionen auf Informationen, die sie in Wikipedia gelesen haben. Wikipedia! Da kannst du auch reinschreiben, Peter Brings ist ein Zwerg, dann steht das eine ganze Weile im Netz.

GA: Der Titelsong „Liebe gewinnt“ erklingt auf Hochdeutsch. Warum nicht Kölsch?

Brings: Wir haben um die Worte gerungen. Auf Kölsch wäre das zu niedlich ausgefallen. Jetzt klingt es bissiger.

GA: „Wir werden frei sein, wenn wir uns lieben“, heißt es im Refrain. Ist Liebe ein Ausdruck von Empathie, die auch politisch greifen kann?

Brings: Exakt! Genau das war mein Gedanke! Es gibt Leute, die in diesem Stück einen Schlager erkennen. Falsch! Der Leitspruch meines Vaters war immer: Gehe mit anderen Menschen so um, wie du willst, das sie mit dir umgehen.

GA: Frei nach Immanuel Kant?

Brings: Das Leben könnte so einfach sein – mit mehr Empathie. Wenn ich Bilder aus Libyen sehe, wo Sklavenmärkte eröffnen wie im 18. Jahrhundert, und nichts passiert – der Wahnsinn! Man hat Gaddafi und andere Despoten weggebombt und deinstalliert, jetzt herrscht Chaos. Und wir wollen nicht verstehen, dass die Opfer zu uns kommen, weil hier Frieden herrscht.

GA: Auch das Stück „Wo bis du“ lässt tiefer blicken. Warum steht hier der „Kopf über dem Herz“?

Brings: Da sucht jemand nicht etwa eine andere Person, sondern sich selber. Es geht um unseren persönlichen Lebensabschnitt, wir befinden uns alle bereits in der zweiten Halbzeit, vielleicht auch schon im letzten Drittel. Man zieht Resümee, macht sich Gedanken.

GA: Über was?

Brings: Über die Kinder zum Beispiel. Wenn ich von der Bühne komme, bin ich normaler Papa. Wie jeder andere auch. Ich muss erst mal einen Kasten Wasser kaufen, mich kümmern.

GA: Auf „Wunder“ herrscht Schunkelalarm, aber auch hier lohnt sich der zweite Blick: Der Sänger wundert sich, „dat mer noch lääve“. Wer ist gemeint?

Brings: Ich wundere mich manchmal, dass zum Beispiel unsere Band seit 27 Jahren existiert. Ein großes Glück. Das ist meine Definition von Rock ‘n‘ Roll: eine eigene Perspektive des Lebens zu verwirklichen. Und das tun wir mit unserer Band.

GA: „Mer fresse die Stadt“ reflektiert Kölner Lebensgefühl ohne Kölschtümelei. Kritik an Köln?

Brings: Es geht um den ganz normalen Zwiespalt. Mal liebt man die Stadt, mal geht sie einem tierisch auf den Sack. Wir reden von Klüngel, woanders heißt es Korruption. Und zum guten Schluss kommt der Karneval, dann wird die Stadt im Rausch aufgefressen.

GA: Und dann singt Peter Brings noch „Kölle ist das geilste Land der Welt“. Was war hier der Plan?

Brings: Wir variieren nur Donald Trumps „Belgium is a nice city“. Wir dachten: Wenn Belgien eine hübsche Stadt ist, dann ist Köln das geilste Land.

GA: Ist das Lied eine Fortsetzung des großen Hits „Kölsche Jung“?

Brings: Ich sehe „Kölsche Jung“ eher als Auseinandersetzung mit der kölschen Sprache. Nach dem Motto: Leute, labert nicht, redet mit euren Kindern wieder Kölsch. Das ist der einzige Weg, dass diese Sprache nicht zur Folklore verkommt.

GA: Rettet der Karneval die kölsche Sprache?

Brings: Junge Bands wie Querbeat und Kasalla singen Kölsch, auch wenn’s manchmal nicht lupenrein klingt , aber sie setzen sich mit der Sprache auseinander. So erfährt sie eine Renaissance – sogar bei den Studenten. Denn wichtig ist: Kölsch ist kein Dialekt, sondern eine Sprache.

GA: Die Kölner Musikszene präsentiert sich recht harmonisch. Täuscht der Eindruck?

Brings: Nein, wir tauschen uns aus. Sechs Bands haben sogar eine Art Gewerkschaft ins Leben gerufen. Wir treffen uns einmal im Monat.

GA: Eine Musikergewerkschaft? Worum geht’s?

Brings: Es geht darum, sich nicht von großen Veranstaltern über den Tresen ziehen zu lassen. Wir nennen uns Sixpack, dazu gehören Bläck Fööss, Kasalla, Paveier, Cat Balou, Höhner und Brings. Und wenn wir zum Beispiel auf dem Heumarkt gemeinsame Konzerte spielen, dann handeln wir auch gemeinsam die Gage aus und teilen sie durch sechs.

GA: Brings verfügt mittlerweile über ein eigenes Studio. Welche Vorteile bringt das?

Brings: Man ist nicht mehr auf einen engen Zeitrahmen festgenagelt. So konnten wir während der Arbeiten am neuen Album nebenher 40 Konzerte spielen.

GA: Wie funktioniert das?

Brings: Wir kommen nachts vom Auftritt nach Hause, ich kann nicht pennen, gehe mit Harry ins Studio, er spielt mir eine Melodie vor, ich schreibe die erste Strophe und den Chorus von „Liebe gewinnt“, gehe ins Bett, höre mir das morgens wieder an und sage zu Harry: „Alter, das klingt nicht schlecht, jetzt brauchen wir noch eine zweite Strophe.“ Er meint: „Schick das doch dem Stefan.“ Genau das tue ich – und kriege von meinem Bruder ‘ne zweite Strophe zurück, die mir die Socken wegzieht.

GA: Das neue Cover zeigt Peter Brings als Straßenkämpfer, der einen Blumenstrauß wurfbereit in der Rechten hält, als sei es ein Molotow-Cocktail. Wer hatte die Idee?

Brings: Dazu hat uns Bild des britischen Künstlers Bansky inspiriert. Ich wollte das Motiv unbedingt in unserer Version verwenden, zumal der Wurf eines Straußes in Köln noch eine weitere Bedeutung hat. Wer wirft bei uns Strüssjer? Der Prinz, der von seinem Ursprung her ein Hofnarr ist, also eine anarchistische Figur. Heute läuft das leider anders.

GA: Wie könnte man dem 1. FC Köln helfen?

Brings: Ach, Alter, ich bin im Moment so wütend. Ich bin kein Hardcore-Fan, aber man fiebert dann doch mit dem Verein. Ich habe bei einem Konzert im Tanzbrunnen Peter Stöger kennengelernt, es hat aus Eimern geschifft, und er ist trotzdem durch die Menge, hat sich mit jedem fotografieren lassen. Er ist so bodenständig, ich liebe den Mann. Wenn einer gehen musste, dann nicht der Stöger.

GA: Die Band Brings will an der großen Jubiläumsfeier Beethoven 2020 mitwirken. Gibt es schon konkrete Pläne?

Brings: Ja, wir machen mit. Das Projekt in Bonn ist allerdings noch in Planung. Lasst euch überraschen!