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Ausstellung im Macke Museum: Der glasklare Blick

Ausstellung im Macke Museum : Der glasklare Blick

Das Bonner Museum August Macke Haus feiert die Wiederentdeckung des Malers Evarist Adam Weber.

Liebe steht am Anfang dieser bizarren und mitunter abenteuerlichen Spurensuche, eine geradezu detektivische Recherche. Walther Lehnert, 18 Jahre alt, verliebt sich auf einer Auktion in einen kleinen aquarellierten Holzschnitt, der ein Liebespaar darstellt. Er weiß nichts über den Künstler Evarist Adam Weber, ahnt, dass der etwas mit dem Expressionismus zu tun hat. Drei Bieter ringen um das Blatt. Lehnert erhält bei 750 D-Mark den Zuschlag. Das Geld hat er sich durch Zeitungsaustragen verdient.

Noch im Auktionshaus starten die Recherchen. Weber, 1887 in Aachen geboren 1968 in München gestorben, wird zur fixen Idee: Lehnert will mehr über den Mann erfahren, dessen Arbeiten in vielen Zeitschriften der 1910er bis 30er Jahre abgebildet sind, der als exzellenter Grafiker gilt, viel in Frankreich und Italien arbeitete, dessen Nachlass aber verschollen und das Werk weit verstreut ist. Keine leichte Aufgabe. Immerhin: Lehnert trägt eine umfangreiche Sammlung zusammen, das „Evarist Adam Weber Archiv“, auf das die Kunsthistorikerin Ina Ewers-Schultz vom Museum August Macke Haus anspringt. Sie nimmt die Fährte auf, recherchiert weiter, startet Aufrufe. Irgendwo muss es doch weitere Werke geben. 

Generationsgenosse von August Macke

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Macke Museum einer Position widmet, die mit dem Patron des Hauses nichts zu tun hat und zum Rheinischen Expressionismus nur sporadische Berührungspunkte hat. Immerhin: Weber und Macke sind im selben Jahr geboren, waren etwa gleichzeitig an der Düsseldorfer Kunstakademie. Und es gebe jemanden, der sagte, Macke sei Weber über den Weg gelaufen, wie Ewers-Schultz sagt. Sehr vage alles. Etwas enger ist die Beziehung zwischen Lehnert und Macke, der mit Elisabeth wiederholt bei Lehnerts Großeltern in Berlin zu Gast war. Mackes großer Gönner Bernhard Koehler gehörte quasi zur Lehnert-Familie, die überhaupt sehr kunstaffin war.

In der Ausstellung „Evarist Adam Weber wiederentdeckt“ erleben wir einen spannenden Zwischenbericht der Recherchen. Wir sehen zunächst einen jungen Künstler, der als Talent der Drucktechniken Holzschnitt und Radierung und solider Maler auffällt, natürlich neugierig und auf der Suche ist: Wie viele andere Künstler seiner Zeit studiert und rekapituliert er Impressionismus und Neoimpressionismus, er versucht sich überzeugend im kantigen, eckigen Expressionismus, im gefälligeren flächigen Stil der französischen Nabis und in der japanischen Kunst des Farbholzschnitts. Von der Front des Ersten Weltkriegs meldet sich Weber mit einem im Feld geschnittenen Linolzyklus, der weniger die gängige Kriegseuphorie verbreitet als eine sehr realistische Schilderung der Ängste, Verstümmelungen und Zerstörungen in einer expressiven Diktion. 

Maler des Motorsports

Die aufgeregte Suche beruhigt sich etwas – Weber findet zur Neuen Sachlichkeit, faszinierende, harte, eiskalte Porträts entstehen, Landschaften mit schroffen Kontrasten und einem glasklaren Blick auf die Berge. Weber zeichnet Akte, malt in Positano und Avignon, skizziert Münchner Straßenszenen. Und er macht sich einen Namen als „Maler des Motorsports“. Leider sind die meisten Bilder dieser Phase verschollen.

Um 1929 ist es erst einmal vorbei mit der Malerei. Nach dem Tod seiner Tochter, die 1928 im Rhein ertrank, der Scheidung von seiner ersten Frau und der Heirat mit der Kunsthandwerkerin Gertraud Heubach beginnt für Weber eine neue Phase. Weber und Heubach arbeiten im Team, er entwirft, sie realisiert Batiken und weitere Textilarbeiten. Auch hier ist das bekannte Werk nur ein Torso. Man kann nur hoffen, dass die engagierte Recherche dazu führt, dass das Werk und der Künstler bekannter werden und sich doch noch hier und da ein echter Evarist Adam Weber findet.

Museum August Macke Haus; bis 29. Mai 2023, Fr-So 11-17, Do 11-19 Uhr. Zur Ausstellung ist ein lesenswerter Katalog erschienen.