Kölner Opernpremiere Des Wahnsinns Beute

Köln · Ein Fest der Stimmen: Donizettis „Lucia di Lammermoor“ im Kölner Staatenhaus. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr sieht hier Dinge, die nicht einmal zwischen den Zeilen stehen.

 Liebesspiel: Szene mit Olesya Golovneva (Lucia) und Atalla Ayan (Edgardo) aus der Kölner „Lucia di Lammermoor“. FOTO: BERND UHLIG

Liebesspiel: Szene mit Olesya Golovneva (Lucia) und Atalla Ayan (Edgardo) aus der Kölner „Lucia di Lammermoor“. FOTO: BERND UHLIG

Foto: Bernd Uhlig

Gestorben wird immer, besonders in der tragischen Oper, ganz bestimmt in Gaetano Donizettis Bühnenhit „Lucia di Lammermoor“, der am Wochenende im Kölner Staatenhaus Premiere feiern durfte. Sir Walter Scotts „The Bride of Lammermoor“, das ist der Stoff, aus dem sich wunderschöne ergreifende Opernarien, Duette und Ensembles schmieden lassen. Und weil diese Psycho-Oper emotional so tief eindringt in die Seelen der Protagonisten, hat die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr noch weiter gegraben: Der Kölner Opernbesucher sieht Dinge, die stehen nicht einmal zwischen den Zeilen.

Text und Musik binden das Geschehen natürlich an die Rahmenhandlung. Aus Schottland Ende des 16. Jahrhunderts wird jetzt Deutschland zur NS-Zeit, es brodelt in Politik und Gesellschaft, auf der einen Seite die Geschwister Enrico und Lucia, als Gegenspieler Enricos Todfeind Edgardo. Der rettet Lucia vor einem wilden Stier, Lucia verliebt sich in ihren Helden, soll aber den für ihren Bruder wichtigen Arturo aus diplomatischen Gründen heiraten – ein zeitloses Drama ist freigetreten, und diesmal wird es niemand überleben. Denn die Regie leitet – wahrscheinlich aus der berühmten Wahnsinns-Arie, in der für Lucia die Bilder von Liebhaber, Ehemann und jetzt auch Bruder verschwimmen – noch weit tiefer liegende inzestuöse Verstrickungen der Protagonistin ab.

Das evoziert eine Meta-Ebene, die sich einbauen lässt, ohne zu beschädigen – und dazu ist die Regie im besten Sinne ja auch aufgerufen. Im Aufriss des das Bühnenbild (Christian Schmidt) füllenden Wohnhauses im Bauhausstil erleben die Zuschauer Edgardo als Minotaurus im Liebesspiel mit Lucia, wir sehen Enrico als wahren Mörder Arturos, Bruder und Schwester sterben gemeinsam im Ehebett, nur Edgardo richtet sich nach Libretto selbst. Eine drängende Nähe zum Publikum erzeugt die gänzlich neue Bühnensituation: Die Zuschauer befinden sich direkt am ebenen Rand der Spielfläche, Auge in Auge mit den Sängern, denn das Orchester sitzt im Seitenschiff der Halle. Die Dirigentin Eun Sun Kim – und das ist eine geniale Zwischenlösung – sitzt zwar für das Publikum im Off, blickt aber von der Seitenbühne direkt zu ihren Sängern. Das funktioniert wirklich gut, auch wenn die Protagonisten zeitweise zum Fortissimo neigen – vielleicht weil sie der Sache noch nicht trauen.

Gesungen wird aber ganz fantastisch. Henning von Schulman versah einen sorgsamen Lucia-Erzieher Raimondo, Boaz Daniel gab den resolut volltönenden Enrico mit Hass und Feuer, und der Brasilianer Atalla Ayan sang ganz frei ohne hörbaren Lagenwechsel die anspruchsvolle Tenorpartie des Edgardo. Er stahl beinahe der Lucia die Schau, aber Olesya Golovneva überzeugte spielerisch und stimmlich in ihrem Rollendebüt. Immer wieder erwähnenswert ist ihre Parade-Arie nach dem Mord an ihrem frisch angetrauten Gatten Arturo, bei der Donizetti eine Glasharmonika als Duettpartner vorschreibt, hier virtuos bedient von Sascha Reckert. Nichts anderes pfeift so betörend überirdisch wie dieses selten zu erlebende Instrument.

Sierd Quarré hatte den Chor einstudiert, die Damen und Herren sangen auf und hinter der Bühne, immer im Blick der südkoreanischen Dirigentin Eun Sun Kim. Und es gibt einige Arien und Ensembles mit Chorbeteiligung, die zu den absoluten Höhepunkten an diesem Abend zählten, auch dank des wunderbar aufspielenden Gürzenich-Orchesters. Die Artisten auf der Bühne wurden einhellig bejubelt, für die Regie gab es wenige dezente Buhs. In einer so sängerfreundlichen Inszenierung mit optischen Ausdeutungen interpretatorischer Zusätze bleibt der Opernabend mit Sicherheit ein Fest.

Weitere Termine: 16., 22., 29. Juni, 3. und 9. Juli. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

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