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Premiere bei der Ruhrtriennale: "Dido And Aeneas" in der Duisburger Kraftzentrale

Premiere bei der Ruhrtriennale : "Dido And Aeneas" in der Duisburger Kraftzentrale

Ein Fundstück der Götter: Der Regisseur David Marton spinnt mit "Dido And Aeneas, Remembered" Henry Purcells Oper weiter. Bei der Ruhrtriennale erlebte das Musiktheaterstück nun seine deutsche Erstaufführung.

Am Anfang steht die Umkehr der Zeit: Im Zelt einer archäologischen Ausgrabungsstätte, die in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg eingerichtet wurde, kann das Publikum zwei Gestalten bei ihren Bemühungen beobachten, die Überreste von Henry Purcells Barockoper "Dido And Aeneas" freizulegen. Dabei finden sie kurioserweise ein Smartphone, von dem sie mit vorsichtigen Pinselstrichen den Staub und Sand der Geschichte entfernen. Später auch Kabel, eine Computermaus und weitere Gegenstände aus einer Zeit, die man aus der Perspektive des Publikums als Gegenwart bezeichnen darf.

Der Mann und die Frau sprechen zwar Englisch, lassen sich jedoch wegen der antiken Chitons, die sie tragen, nicht in der Zukunft, sondern sehr eindeutig in mythologischer Vergangenheit verorten. Tatsächlich handelt es sich um das römische Götterpaar Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson), das hier in einer Art chronologischem Krebsgang seiner surrealen archäologischen Beschäftigung nachgeht.

Mehr als doppelt so lang wie die ursprüngliche Oper

Das von Regisseur David Martons verantwortete Musiktheaterstück, das im März an der Oper in Lyon uraufgeführt wurde und nun bei der Ruhrtriennale seine deutsche Erstaufführung erlebte, heißt "Dido And Aeneas, Remembered" und verhält sich zu Henry Purcells 330 Jahre altem, nur unvollständig überlieferten Opernerstling so, als wäre es die Rekonstruktion eines antiken Artefakts, das die originalen Scherben integriert. Dabei sind die zeitgenössischen Ergänzungen, deren musikalischen Anteil der finnische Jazzgitarrist Kalle Kalima beisteuert, für den Betrachter ebenso gut zu identifizieren wie die ursprünglichen Teile. Im Ergebnis wird damit die eigentlich nur knapp eine Stunde dauernde Oper mehr als doppelt so lang.

Die Geschichte, die Purcells Librettist Nahum Tate ausbreitet, basiert auf Vergils Aeneis-Epos, das die Flucht des Helden aus dem brennenden Troja und seine lange Irrfahrt schildert, die ihn schließlich nach Italien führt, wo er zum Stammvater der Römer wird. Die Oper erzählt und variiert eine Episode daraus, deren Schauplatz Karthago ist, wo die schöne, verwitwete Königin Dido herrscht, die sich in den dort gestrandeten Aeneas verliebt. Der aber muss weiterziehen, um seinen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Während sie gekränkt zurückbleibt und sich das Leben nimmt.

Die Geschichte wird in Martons Version vielfach gespiegelt, räumlich und zeitlich aufgefächert und ergänzt. Das gelingt mit einer Fülle szenischer und musikalischer Mittel, die ein kaleidoskopisch schillerndes Gesamtbild ergeben. Die Rückwand des Ausgrabungszelts etwa dient als Leinwand für Adrien Lamandes akribische Kameraarbeit, die die handelnden Personen wie unter einer Lupe fokussiert. Auch wenn sie sich in den kleineren Räume befinden, die Bühnenbildner Christian Friedländer an beiden Seiten vom zentralen Zeltschauplatz eingerichtet hat.

Erika Stucky glänzt als bizarre Zauberin

Schade nur, dass die Darsteller für solche Videoeffekte schauspielerisch ein bisschen blass agieren. Mit Ausnahme freilich der großartigen Jazzsängerin, Performerin und Akkordeonistin Erika Stucky, die in einigen Zwischenspielen als Zauberin in grotesk-bizarrem Outfit die Bühne beherrscht. Ihren Auftritt mit scheppernder Schaufel, über deren Geräusche ihre Stimme herrlich improvisiert, wird man so leicht nicht vergessen.

In den Titelpartien sind Alix Le Saux (Dido) und Guillaume Andrieux (Aeneas) zu erleben, die nicht nur fabelhaft singen, sondern auch auf Französisch parlieren. Claron McFadden bewegt sich als Dido-Vertraute Belinda auf gleichem vokalen Niveau. Die Chorpartien und den Instrumentalpart übernehmen die Ensembles der Opéra de Lyon, die unter der Leitung von Pierre Bleuse nicht nur die originale Purcell-Musik stilkundig lebendig machen, sondern auch in den Schnittstellen mit Kalle Kalimas zeitgenössischem Anteil überzeugen können. Zum Beispiel ganz am Schluss, wenn Alix Le Saux die tieftraurige Arie "When I am laid in earth" singt, die dann von Kalima und dem Ensemble weitergesponnen wird, bis endlich der bewegende Schlusschor einsetzt. Das Publikum in der fast voll besetzten Halle war trotz der dort herrschenden Hitze begeistert.

Termine: 30. und 31. August, 20 Uhr, in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Meiderich. Karten und Infos im Internet: www.ruhrtriennale.de