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Beuys und Lehmbruck: Die Idee der sozialen Plastik

Beuys und Lehmbruck : Die Idee der sozialen Plastik

Das Lehmbruck Museum in Duisburg zeigt, wie unterschiedlich Wilhelm Lehmbruck und Joseph Beuys Epochenbrüche zum Thema machten

Wilhelm Lehmbrucks berühmte Skulpturen „Die Kniende“, „Der Gestürzte“, „Die Sinnende“ oder „Der Denker“ entstanden allesamt vor, während des ersten Weltkriegs und kurz danach. Joseph Beuys war der zeitlebens niemals unumstrittene Künstler, der nach dem Zweiten Weltkrieg ganz neue Wege in der Kunst ging, die konservative Kritiker als „Verlust der Mitte“ empfanden und brandmarkten. Weshalb also stellte sich Beuys als Schüler von  Lehmbruck dar, und dazu noch in einer Rede, die er elf Tage vor seinem Tod hielt, gewissermaßen als Vermächtnis?

Dieser Frage geht das Lehmbruck Museum in seiner aktuellen Ausstellung „Lehmbruck – Beuys. Alles ist Skulptur“ nach. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Bonner Bundeskunsthalle konzipiert worden. Im gemeinsamen Katalog  ist die legendäre Beuys-Rede „Dank an Wilhelm Lehmbruck“, die damals nach einem Tonbandmitschnitt aufgeschrieben wurde (Beuys sprach stets frei), abgedruckt. Man kann so nachvollziehen, welche Interpretationen zu jenen dialogischen Konstellationen geführt haben, die man nun in Duisburg und Bonn sehen kann.

Wahlverwandtschaften

Wie nicht anders zu erwarten, sind die Wahlverwandtschaften zwischen Beuys und Lehmbruck keine, die man mit sonst üblichen Stilvergleichen belegen kann. Vielmehr muss man sich auf eine Ebene des Verständnisses bewegen, für die Beuys neue Formulierungen gefunden hat. Lehmbrucks Plastiken könne man, so Beuys in seiner Rede, nicht nur visuell erfassen: „Man kann sie nur erfassen mit einer Intuition, wobei einem ganz andere Sinnesorgane ihr intuitives Tor offen machen, und das vor allen Dingen das Hörende, das Sinnende, das Wollende.“

In Lehmbrucks Skulpturen seien Kategorien vorhanden, die niemals vorher vorhanden gewesen seien. Und genau das habe Lehmbruck ihn posthum gelehrt. Beuys hat das so auf den Punkt gebracht: „Als ich an ein plastisches Gestalten dachte, das nicht nur physisches Material ergreift, sondern seelisches Material ergreifen kann, wurde ich zur Idee der sozialen Plastik regelrecht getrieben.“

Man sollte diese Sätze im Kopf haben, wenn man die dialogisch angeordneten Werke von Lehmbruck und Beuys auf sich wirken lässt. Während Lehmbruck in seiner charakteristischen Figurensprache, bei denen die Gliedmaßen gewissermaßen in die Länge gezogen werden und so eigentümlich vergeistigt wirken, neigt Beuys im Laufe seines Schaffens immer mehr zum „Entmaterialisieren“.

„Hirschdenkmäler“ und „Elferzimmer“

Das Lehmbruck Museum zeigt von Beuys beispielsweise die „Hirschdenkmäler“, das „Elferzimmer“ mit seinen stilisierten Schafsköpfen, die raumgreifende Installation mit Munitionskiste und Fichtenstamm oder auch das Feldbett.

Söke Dinkla, Direktorin des Lehmbruck Museums, sieht in Lehmbruck und Beuys zwei Künstler, die jeweils auf ihre Art Antworten auf Epochenbrüche geben und die in ihren Werken versuchen, dem Denken Gestalt zu geben.

In der Pressekonferenz gab es viel Zustimmung für das Ausstellungskonzept. Doch, so ein kleiner Einwand, dürfe man doch Beuys typischen Humor nicht vergessen, der vor lauter Ehrfurcht vor dem Jahrhundertkünstler in öffentlichen Stellungnahmen oft zu kurz komme. Immerhin: Im Lehmbruck Museum wird nicht nur an die Beuys-Forderung „Zeige deine Wunde“ erinnert, vielmehr sieht man auch die lustige „Capri-Batterie“, bestehend aus einer gelben Glühbirne, an die lässig eine Zitrone lehnt.

Ausstellungen in Duisburg und Bonn bis zum 1. November. Der Katalog kostet an den Museumskassen 29 Euro (im Buchhandel 48 Euro). Internet: www.lehmbruckmuseum.de und www.bundeskunsthalle.de