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Meinung: Die Quote und der Jazz

Meinung : Die Quote und der Jazz

Überall wird über Quote und Geschlechtergerechtigkeit diskutiert und überall tut sich etwas, nur nicht beim Instrumentalisten im Bundesjazzorchester. Warum ist das so?

Der neue Bundestag, der sich am Dienstag konstituiert hat, „ist wieder etwas weiblicher“, vermeldet das ZDF. Somit liege der Anteil der Frauen im neuen Bundestag bei 34,8 Prozent und sei zwar damit weiblicher als der scheidende (Frauenquote bei 31,5 Prozent), liege aber hinter dem Frauenanteil des 18. Bundestages (2013-2017), der die bislang höchste Quote mit 36,5 Prozent hatte. Unlängst befand Ex-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, der Fußball sei „sehr viel weiblicher geworden“, ohne das weiter zu belegen.

Und wie steht es mit dem Jazz? Einer unserer aufmerksamen Leser hat am vergangenen Samstag im Telekom Forum beim Jazzfest-Konzert genau hingeschaut und durch die Reihen des Bundesjazzorchesters gezählt. Und er sah: „keine Frau im Orchester, die ein Instrument spielte“. Er fragte bei Medien und Musikerverbänden nach: „Warum war das so? Machen Sie sich darüber Gedanken? Fällt Ihnen dies überhaupt auf?“

Nur 20 Prozent Frauen im Jazz

In einem Brief versuchte Sabine Siemon, Pressereferentin des Deutschen Musikrats in Bonn, das Phänomen zu erklären. Etliche Studien wie „Gender.Macht.Musik. Geschlechtergerechtigkeit im Jazz“ kommen, so Siemon, mehr oder weniger zum gleichen Ergebnis. So betrage das Geschlechterverhältnis im Jazz 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen. Von diesen 20 Prozent seien mehr als die Hälfte Sängerinnen. Während jeder vierte Hobbymusiker in einer Band spiele, seien es bei den Frauen nur 1,3 Prozent. Beim Bundesjazzorchester (BuJazzO), einem Projekt des Deutschen Musikrats, handelt es sich nicht um ein Amateur-Ensemble, sondern um junge Menschen bis 24 an der Schwelle zur Professionalität. Fast alle studieren an einer Musikhochschule.

Eine ernüchternde und etwas ratlose Bilanz legt die Studie „Gender.Macht.Musik“ (2020) vor. Da liest man: „Eine fehlende Gleichstellung entwickelt sich, auch im Jazz, bereits bei Kindern und Jugendlichen. Während an den Musikschulen insgesamt sogar mehr Mädchen als Jungen Unterricht nehmen, finden bereits weniger Mädchen und Frauen ihren Weg in die ersten Bands und Ensembles. In der Folge und mit dem steigenden Grad der weiteren Professionalisierung sinkt der Anteil der Frauen unter den Musikstudent*innen, Band-Leader*innen, Dozent*innen oder Professor*innen im Jazzbereich immer weiter.“ Gegenmaßnahmen? Unter anderem Förderinstrumente und eine Quotenregelung (Letztere angesichts der vorliegenden Zahlen ziemlich illusorisch).

Keine Schlagzeugerinnen

Sabine Siemon berichtet, dass sich etwa in den vergangenen zehn Jahren keine Schlagzeugerin und nur zwei Trompeterinnen für das BuJazzO beworben haben. Im aktuellen Ensem­ble gebe es nur eine Baritonsaxofonistin. Beim Konzert in Bonn war sie aber nicht dabei. Das Ensemble 2018/19 hatte fünf Bläserinnen. In 68 Arbeitsphasen hatte das Ensemble nur eine Gastdirigentin, Maria Baptist, sonst nur Dirigenten. Bei den Dozenten sieht es kaum besser aus. Und auch im Jazzbeirat, der zuständig für das BuJazzO und Jugend jazzt ist, gibt es viel Luft nach oben.

„Ohne das BuJazzO wäre ich nicht da, wo ich heute stehe“, meint Startrompeter Till Brönner. Die Chance sollten doch auch andere bekommen.