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Radiomoderator auf Abwegen: Die Spur des Spalters

Radiomoderator auf Abwegen : Die Spur des Spalters

Fesselnd, gut recherchiert, aufschlussreich: Eine Podcast-Serie zeichnet die Selbstradikalisierung des Radiomoderators Ken Jebsen nach.

In den 1990er Jahren war der junge Radiomoderator Ken Jebsen eine auffällige Persönlichkeit: Der vom Niederrhein stammende Jungjournalist, eigentlich Kayvan Soufi-Siavash und Sohn eines iranischen Vaters, konnte atemberaubend schnell reden. Er war witzig, schlagfertig und fantasievoll mit Ausflügen ins Absurde, entwickelte originelle Formate für sein Medium. Schnell machte Jebsen Karriere, bekam freundliche Kritiken und eigene Sendungen. Bei Radio Fritz, der Jugendwelle des öffentlich-rechtlichen Senders RBB, moderierte er über zehn Jahre lang KenFM. 

Der Titel KenFM ist nach wie vor bekannt, aber nicht mehr berühmt, sondern berüchtigt. Und zwar als Webportal, auf dem Jebsen Verschwörungstheorien verbreitet, Falschinformationen zur Corona-Pandemie, Antisemitismus und rechtsradikales Gedankengut. Auf Youtube hatte KenFM Hunderttausende Abonnenten, seine Videos wurden bis zur Sperrung des Kanals millionenfach aufgerufen. Jebsen galt als einer der einflussreichsten, weil reichweitestärksten Stimmen der Querdenkerbewegung.

Ein Medientalent radikalisiert sich

Wie kam es dazu, dass ein anerkanntes Medientalent sich so radikalisierte? Welche Geschichte steckt hinter der Geschichte von Ken Jebsen? Oder, in den Worten der Produzenten eines hörenswerten sechsteiligen Doku-Podcasts zum Fall: „Cuio Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“ Der von NDR, RBB und K2H mit dem Berliner Studio Bummens produzierte und von der Bonner Bundeszentrale für politische Bildung unterstützte Podcast begibt sich auf die Spurensuche, zeichnet Jebsens Entwicklung von den ersten eigenen Radiosendungen als „Mann mit der Banane“ (sein Mikrofon sah wie eine Banane aus) über seinen Erfolg bei Radio Fritz bis zum Abgleiten in die Szene der radikalen Populisten und Querdenker nach. Die Macher befragen Wegbegleiter und ehemalige Kollegen, deutsche und amerikanische Populismusexperten oder auch den Deutschland-Geschäftsführer von Youtube. Jebsen selbst war nach Aussage der Produzenten allerdings nicht bereit, auf Fragen zu antworten.

Spurensuche ohne erhobenen Zeigefinger

Die Person Jebsen steht für die Macher allerdings nur stellvertretend für das Phänomen Fake News und Verschwörungstheorien. Schlüssig unterlegt etwa mit dem Beispiel des amerikanischen Moderators Alex Jones, der auf seinem Kanal „Infowars“ einem Millionenpublikum jahrelang Fake News, Rassismus und Hass servierte, zeichnet der Podcast die Entwicklung der professionellen Wahrheitsverdrehung und Volksverhetzung nach – fesselnd, erschreckend, und zum Glück ohne erhobenen Zeigefinger.

Bei der Frage „Cui bono“, wem also das Ganze nutzt, kommen die Rechercheure im Fall Ken Jebsen zu einem überraschenden Ergebnis: Sie können plausibel belegen, dass der KenFM-Macher intensive geschäftliche Kontakte nach Russland, zu russischen Regierungskreisen und dem Kreml-Propagandasender RT DE unterhält. Jebsen, so die Schlussfolgerung, sei der „nützliche Idiot“, der in russischem Dienst und Interesse Desinformation, Progaganda und Spaltung in die deutsche Gesellschaft bringe, das Vertrauen anfälliger Bürger in die staatlichen Institutionen und damit letztlich die Demokratie unterminiere.

Cui bono: WTF happend to Ken Jebsen. Abrufbar bei Streaming-Anbietern wie Spotify und in der ARD-Mediathek