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Neu im Kino: Ein Film über den Fotografen Helmut Newton

Neu im Kino : Ein Film über den Fotografen Helmut Newton

Gero von Boehms zeigt eine kurzweilige Filmcollage über den Fotografen Helmut Newton. Enthalten sind auch Interviews mit Claudia Schiffer und Nadja Auermann.

„Die meisten Fotografen sind langweilig, und die meisten Filme über Fotografen sind es auch.“ Helmut Newtons hartes Urteil über seine Kollegen trifft natürlich auf ihn selbst nicht zu. Und auch nicht auf den Film, den Gero von Boehm über ihn gedreht hat. Eine äußerst kurzweilige Doku über einen begnadeten Sonnyboy, der zur rechten Zeit am Auslöser seiner Kamera stand: in den späten 1960ern, als die sexuelle Revolution viel nackte Haut erlaubte, der Markt Tabubruch und Provokation honorierte, Modemagazine und Illustrierte nach originellen Bildlösungen gierten, die weibliche und männliche Leserschaft offenbar gleichermaßen Newtons Fantasien und Obsessionen goutierte. Und, ach ja, es Topmodelle wie Charlotte Rampling, später Grace Jones, Nadja Auermann, Claudia Schiffer und Cindy Crawford gab.

Boehm hat aus Newtons Fotos, Filmen seiner Fotoshootings, sehr schönen Interviews mit dem Fotografen selbst, aber auch mit vielen seiner Modelle eine wunderbare Collage zusammengestellt. Die, das sei nicht verschwiegen, hübsch an der Oberfläche bleibt und sich selbst 16 Jahre nach dem Tod des Fotografen um eine kritische Einordnung der Person und dessen Kunst elegant herumdrückt. Also eher eine Hommage aus Fan-Perspektive als eine fundierte Dokumentation.

Schlechte Fotos, gute Fotos

Gleichwohl ist „The Bad and the Beautiful“ eine wahre Fundgrube über den Mann, der sagte: „Jeder erinnert sich an ein schlechtes Foto, aber niemals an die Qualen, die man für ein gutes Foto erleiden musste.“ Passend dazu erzählt Grace Jones: „Er wartete auf das richtige Licht, und dann musste es ganz schnell gehen.“ Newton bat sie, sich nackt auf einen Liegestuhl zu legen, ein Messer in der Hand. Er wartete, bis der Schatten des Fensterkreuzes genau über ihrer Scham lag und drückte ab. Das Foto ist eine Ikone in Newtons Werk. „Seine Bilder sind erotisch und tiefsinnig zugleich, seine Bilder erzählen Geschichten“, sagt Jones, „er war ein bisschen pervers, aber das bin ich auch.“

Frauen in Ketten

Der Mann für die erotischen Fantasien: Frauen in Ketten, mit dem Pferdesattel auf dem Rücken, in der Regel stark, groß und gefährlich. Isabella Rossellini, die sich selbst als Feministin bezeichnet, spricht höflich von einer „Kultur der Männlichkeit“. Newton sei kein Macho, eher komplex. Da wurde Susan Sontag deutlicher, die seine Fantasien „ungeheuerlich frauenfeindlich“ fand. Newtons Replik: „In der Fotografie gibt es zwei hässliche Worte: Das eine ist ‚Kunst’, das andere ist ‚guter Geschmack’.“ Newton und die Frauen, ein endloses Thema. „Ich bin ein professioneller Voyeur“, sagt er selbst. Und viele seine Modelle loben die Art, wie er mit ihnen umgegangen ist: „Dieser Mann ist fantastisch“, jubelt etwa Claudia Schiffer in Boehms Doku. Auf dem Foto, das sei nicht sie selbst, „das sind meine und seine Vorstellung – ich liebe diesen Rollenwechsel“.

Eine Jugend in Berlin

Sehr schön bringt von Boehm Newtons Biografie ins Spiel, flaniert durch Berlin und sucht mit historischen Filmen und Fotos den Geist der Weimarer Republik der den 1920 Geborenen stark geprägt hat. Bei der avantgardistischen Modefotografin Yva hat er das Handwerk gelernt. Sie wurde im KZ ermordet. Newton selbst floh 1938 ins Exil. Die Ästhetik des Nationalsozialismus hinterließ gleichwohl Spuren. „Helmut fotografiert Frauen, wie Leni Riefenstahl Männer fotografierte“, gibt Rossellini etwas überspitzt zu Protokoll.

Newton floh über Singapur nach Australien, wo er June Browne (Künstlername Alice Springs) kennenlernte und heiratete. Sie war bis zu seinem Tod seine Beraterin und Muse. Man sieht beide in der eindrucksvollen Doppel-Ausstellung 2000 in der Kölner Josef-Haubrich-Kunsthalle. Es sind anrührende Szenen. June hat das letzte Foto von Newton gemacht: 2004 im Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles, kurz nachdem Newton auf dem Sunset Boulevard die Gewalt über sein Auto verloren hatte und in eine Wand gerast war.

Gezeigt wird der Film „The Bad and the Beautiful“ im Kino in der Brotfabrik.