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Bildhauerin und Fotograf: Eine Begegnung auf Augenhöhe in Bad Honnef

Bildhauerin und Fotograf : Eine Begegnung auf Augenhöhe in Bad Honnef

Sammlerin Andra Lauffs-Wegner zeigt in ihrem Bad Honnefer Kunstraum KAT_A Werke der international renommierten Künstler Isa Genzken und Wolfgang Tillmans. Eine außergewöhnliche, sehr gelungene Schau, findet unser Autor.

Es sollte ein großer Wurf werden: Zwei hochinteressante, international renommierte Künstler, dazu die Premiere des erstmals verliehenen Kunstpreises. Dann kam Corona. Wie andere Kulturinstitutionen auch musste die Sammlerin Andra Lauffs-Wegner improvisieren, verschieben. So startet ihre sechste Ausstellung im Bad Honnefer KAT_A (Kunst am Turm, Andra) mit mehr als dreimonatiger Verspätung unter den üblichen Sicherheitsbedingungen. Und auch der Preis wird vergeben: an die in New York lebende deutsch-koreanische Fotografin Heiji Shin. Insgesamt trotz Verspätung wirklich ein großer Wurf.

Lauffs-Wegners Räume teilen sich Isa Genzken (geboren 1948), die vielfach ausgezeichnete grande dame der deutschen Bildhauer- und Installationskunst (sie vertrat Deutschland 2013 auf der Kunstbiennale in Venedig), und Wolfgang Tillmans (geboren 1968), einer der gefragtesten und spannendsten Fotokünstler seiner Generation (Turner Preis im Jahr 2000). Das Künstlerpaar hat nicht zufällig zusammengefunden: Beide kennen sich gut und schätzen einander. Tillmans hat Genzken wiederholt fotografiert. In der Ausstellung ist sie als „Isa mona Lisa“ (1999) aufgeräumt auf dem Sofa sitzend zu sehen und im schrillen Outfit mit Sonnenbrille vor der New Yorker „Sound Factory“. Gegenüber sieht man in der Kapelle von Haus Hedwig die beiden Türme von 2015, zwei Arbeiten die exemplarisch für Genzkens Zwitter aus Architektur (Twin Towers) und Objektkunst stehen: aus billiger MDF-Platte gebaut, mit Spiegelfolie beklebt, mit Architektur-Fotografien quasi kommentiert, mit dem Bild eines Astronauten in eine andere Dimension gerückt.

Spiel mit Assoziationen

Genzken sucht das Ambivalente, spielt mit Assoziationen, weicht dem Eindeutigen aus. Ihre Schaufensterpuppe mit den billigen Tüchern, Mütze, Hut und Sonnenbrille lässt sich leicht als Persiflage antiker Erhabenheit interpretieren, hat aber auch Züge eines Selbstporträts, wirkt unsicher, gebrochen und im Kontext zu dem Bild im Hintergrund, das ein Krankenbett zeigt, morbide.

Eine Stimmung, die auch das wunderbare Tableau „Slotmachine“ (2012) verbreitet, in dem auf Tapetengrund Spiegel und Fotos in einer mehr oder weniger engen Beziehung stehen. Man sieht gleich mehrfach Richard Avedons Foto-Ikone des ausgemergelten texanischen Öl-Arbeiters Roberto Lopez, Reproduktionen von Albrecht Dürers Gemälde „Anna Selbdritt“ und eines Medusenhauptes à la Caravaggio. Dazu zwei Selbstporträts der Künstlerin. Ein reiches Feld, das tief in die Kunst Genzkens eintauchen lässt.

Die Serie „Freischwimmer“

Auch Tillmans, der sich an den fleckigen Wänden des weitgehend unrestaurierten ehemaligen Speisesaals von Haus Hedwig ausbreitet, arbeitet mit Bildertableaus, Assoziationsfeldern, ist aber auch mit Arbeiten aus einzelnen Werkgruppen vertreten. Unter anderem bietet die Schau Einblicke in die Reihen „Faltenwurf“ mit Nahaufnahmen von Textilien, „Freischwimmer“, bestehend aus fotochemisch entstandenen abstrakten Farbspuren, oder „Silver“, die ebenfalls ohne Kamera in einem manipulierten Entwicklungsvorgang produziert wurden. Während hier die Wirkung sehr malerisch ist, dominiert in den „Paper Drops“ das Grafische: Es sind zusammengerollte Papiere in Nahansicht. Lauffs-Wegner zeigt – sämtliche Arbeiten der Schau sind übrigens aus ihrem Besitz – ferner Stillleben, ein Fensterbild und ein Werk wie „Himmelblau“: Der Blick aus einem Lichtschacht nach oben.

Bekannt wurde Tillmans mit Porträts seines Freundeskreises, spontan entstandenen und betont unkünstlerisch gehaltenen Bildern von Musikern und Künstlern, von Partys und Zusammenkünften am Strand. Wir sehen Evelene und Lutz, Alex, Suzanne und Christoph, die barbusige Corinne mitten auf dem Gloucester Platz, Tillmans berühmtes Porträt von Morrissey.

Dichtes Gesellschaftsporträt

Der Träger des Goslarer Kaiserrings 2018 arbeitet gewöhnlich mit Tableaus aus verschieden großen, mitunter sehr eigenwillig und nicht en Bloc gehängten Bildern. Oft ist das bloße Fotopapier einfach an die Wand gepinnt. Wie bei Genzken eröffnen diese Bilderfelder einen Dialograum, viele einzelne Aspekte fügen sich zu einer Stimmung, zu einem dichten Gesellschaftsporträt.

Lauffs-Wegner, die sehr repräsentative Arbeiten von den späten 1980ern bis 2018 zeigt, berücksichtigt auch Tillmans politische Arbeiten. In Großbritannien, seiner zweiten Heimat, engagierte er sich 2016 mit einer Plakatserie gegen den Bre­xit, 2017 bezog er vor der Bundestagswahl gegen den Rechtsnationalismus Stellung. Die Plakate hängen sehr schön im gefliesten Gang von Haus Hedwig.

Eine außergewöhnliche, sehr gelungene Schau.