Hinrichtung vor 90 Jahren Grausames Lehrstück der US-Geschichte

Charleston · Ihr Prozess ist ein grausames Lehrstück über den Umgang mit Ausländern und Andersdenkenden: Vor 90 Jahren wurden in den USA die beiden italienischen Arbeiter Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti nach einem fragwürdigen Prozess auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Es liest sich fast so, als sei es ein Bericht von heute. „Etwas Unerhörtes, Niedagewesenes begibt sich in diesen Tagen“, schreibt der Journalist und Schriftsteller Carl von Ossietzky in der „Weltbühne“ vom 9. August 1927: „Die diplomatischen Vertretungen der Vereinigten Staaten von Amerika in allen Hauptstädten der Erde stehen unter verzehnfachtem polizeilichen Schutz. Denn der Name der Mutter aller europäischen Demokratien ist über Nacht odios geworden, odioser als der Zarismus je in der Blüte seiner Sünden war. In Paris, London, Berlin, Buenos Aires, überall wachsen Proteste zu Demonstrationen und morgen vielleicht zu Gewalttaten.“

Was Carl von Ossietzky, den späteren KZ-Häftling und Friedensnobelpreisträger, dermaßen bewegt, ist ein Justizdrama, das sich in den Vereinigten Staaten abspielt. Zwei italienischen Einwanderern, dem 36-jährigen Ferdinando Nicola Sacco und dem drei Jahre älteren Bartolomeo Vanzetti, droht der Tod durch den elektrischen Stuhl. In der Sprache des Richters heißt das: „Die Todesstrafe durch die Anwendung elektrischen Stroms an Ihrem Leib“.

Von Ossietzky ist entsetzt: „Der Fall Sacco-Vanzetti, die Beharrlichkeit der Oberrichter, an einem von den besten Juristen der Welt als Fehlspruch bezeichneten Todesurteil festzuhalten, hat die moralische Reputation der Vereinigten Staaten in wenigen Tagen ruiniert. Liberty trägt eine Henkerfratze, und die hocherhobene Fackel wird zur Todesfackel ihrer eignen ruhmvollen Vergangenheit. Auf dem ganzen Erdenrund bäumen sich die Herzen gegen die Vollstreckung eines Todesurteils an zwei Schuldlosen.“

Alles Aufbäumen hilft nicht, weder Streiks noch Massenkundgebungen, weder die Intervention des Papstes noch die flehentlichen Gnadengesuche der Familienangehörigen: In der ersten Morgenstunde des 23. August 1927 werden Nicola und Bartolomeo im Staatsgefängnis von Charleston/Massachusetts wegen der Beteiligung an einem doppelten Raubmord hingerichtet.

"Ich vergebe den Leuten, was sie mir jetzt antun"

„Es lebe die Anarchie“, ruft Sacco in den Hinrichtungsraum. Vanzetti beteuert, als die Riemen festgeschnallt werden, ein letztes Mal seine Unschuld: „Ich bin unschuldig aller Verbrechen, nicht nur dieses einen, sondern aller. Ich bin ein unschuldiger Mensch. Ich vergebe den Leuten, was sie mir jetzt antun.“

Sacco und Vanzetti – „ein Fall, der niemals sterben wird“, hat die New York Times einmal geschrieben. Und ein Fall, der vermutlich niemals restlos aufgeklärt sein wird. War es ein Justizmord in einem extrem aufgeheizten politischen Klima oder ein zwar hartes, aber rechtmäßiges Urteil? Die Frage kann bis heute nicht beantwortet werden. Aber eines scheint festzustehen: Die beiden Italiener erhielten einen Prozess, der jedem fairen und unvoreingenommenen Verfahren spottete. Sie waren die unfreiwilligen Akteure in einem grausamen Lehrstück über den Umgang mit Ausländern und Andersdenkenden.

Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti lernen sich im Mai 1917 in einer anarchistischen Gruppe in den Vereinigten Staaten kennen. Da sind beide schon neun Jahre in Amerika, italienische Einwanderer, die ihre ganze Hoffnung auf das Land der Freiheit und des Glücksversprechens gesetzt haben. Sacco hat es zum Facharbeiter in einer Schuhfabrik gebracht und eine Familie gegründet, Vanzetti schlägt sich erst als Gelegenheitsarbeiter, dann als Fischverkäufer durchs Leben.

Die Illusionen sind ihnen schnell genommen. In einem Brief Vanzettis an seine Schwester heißt es schon 1911: „Ich habe sehr viel gelitten, als ich von fremden, gleichgültigen und manchmal feindseligen Menschen umgeben war ... Hier beruht die Justiz auf Gewalt und Brutalität, und wehe dem Fremden und vor allem dem Italiener, der mit energischen Methoden seine Rechte verteidigt; ihm winken die Knüppel der Polizei, die Gefängnisse und die Strafgesetze.“

Pures Entsetzen über Kommunisten an der Macht

Die Situation wird nicht einfacher in Amerika, vor allem nicht für Menschen, die sich in Gewerkschaften oder in linken Gruppierungen organisieren. Das Land gerät nach dem Ersten Weltkrieg in eine wirtschaftliche Schieflage; dass in Russland die Kommunisten an die Macht kommen, sorgt in den USA für pures Entsetzen. Bombenanschläge, die man aufs Konto der Anarchisten schreibt, erzeugen ein Klima der Hysterie. Die „Red Scare“, die „Rote Angst“, macht sich breit. Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus – das Schreckgespenst des Bolschewismus geht um. Das Misstrauen gegenüber allem, was irgendwie links ist, wächst stetig.

Im April 1920 werden in dem Städtchen South Braintree, 20 Kilometer südlich von Boston, ein Lohnbuchhalter und ein Wachmann überfallen und erschossen. Die Täter erbeuten 15.776 Dollar und flüchten in einem Buick, in dem drei weitere Komplizen gewartet haben sollen. Wenige Wochen später werden Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti wegen dieses Raubmords verhaftet. Sie sind Ausländer, sie sind Anarchisten – und sie tragen Waffen bei sich.

Im ersten Verhör lässt der Staatsanwalt die beiden über die Gründe der Verhaftung im Unklaren, er will vornehmlich etwas über die politische Haltung der Häftlinge wissen. Beide lügen, machen falsche Angaben über den Erwerb der Waffen. Die Angst, wegen ihrer politischen Einstellung zu Verbrechern gestempelt zu werden, mag da eine Rolle gespielt haben. Man wird ihnen dieses Verhalten später als „Schuldbewusstsein“ anlasten.

Ein Jahr später wird Sacco und Vanzetti der Prozess gemacht. Vanzetti ist in der Zwischenzeit wegen eines anderen Raubüberfalls zu 12 bis 15 Jahren Haft verurteilt worden. Dass 14 Italiener sein Alibi bestätigen, hat im Prozess keine Rolle gespielt. Im Gerichtssaal von Dedham/Massachusetts hat man für die Angeklagten einen Stahlkäfig gebaut, in den sie während der Verhandlung gesperrt werden.

Dürftige Beweislage

Den Vorsitz führt Richter Webster Thayer, jener Richter, mit dem Vanzetti schon in seinem anderen Fall zu tun hatte. Thayer soll privat aus seiner Verachtung für „anarchistisches Gesindel“ keinen Hehl gemacht haben.

Der Schriftsteller Upton Sinclair, der in seinem 1928 erschienenen und gerade in neuer deutscher Übersetzung vorliegenden Roman „Boston“ den Fall von Sacco und Vanzetti aufgreift, beschreibt den Richter so: „Obwohl er sich rege bemühte, Gelassenheit auszustrahlen, verrieten seine gehetzten Blicke, wie sehr ihn die vielen Ausländer im Saal beunruhigten. Was die Roten betraf, plagte ihn der reinste Verfolgungswahn.“

Die Beweislage ist dürftig. Es gibt Zeugen, die Sacco und Vanzetti am Tatort gesehen haben wollen; es gibt noch mehr Zeugen, die dies verneinen. Die Verteidigung ruft Zeugen auf, die die Alibis der Angeklagten bestätigen. Die Ballistik steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Sachverständiger behauptet, die Kugel, die zum Tod des Wachmanns geführt hat, stamme aus Saccos Revolver, ein zweiter schließt das aus, ein dritter äußert sich missverständlich.

Der Staatsanwalt lässt keine Gelegenheit aus, die beiden Italiener als Amerika-Verräter darzustellen. 1917 sind sie nach Mexiko geflohen, um sich der Registrierung zum Wehrdienst zu entziehen: „Ist das Ihre Vorstellung, ihre Liebe zu Amerika zu beweisen?“

Zermürbende Jahre der Ungewissheit

Nach mehr als 30 Prozesstagen kommen die Geschworenen zu einem relativ raschen Urteil: des Mordes schuldig. Es folgen zermürbende Jahre der Ungewissheit, es folgen zahlreiche Revisionsanträge, die allesamt abschlägig beschieden werden, es folgen Appelle aus aller Welt, die sich für die Verurteilten einsetzen.

Einer der ersten, der seine Stimme erhebt, ist der französische Schriftsteller Anatole France, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1921. Er richtet einen offenen Brief „an das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika“: „Hört auf den Appell eines alten Mannes aus der Alten Welt. Lasst nicht zu, dass dieser ungerechte Urteilsspruch vollstreckt wird. Der Tod von Sacco und Vanzetti wird sie zu Märtyrern machen und Euch mit Schande bedecken.“

Am Ende ist alles vergeblich. Auch als ein wegen Bankraubs zum Tode verurteilter Portugiese gesteht, am Raubmord von Braintree teilgenommen zu haben, und ausdrücklich versichert, „dass Sacco und Vanzetti nicht dabei waren“, wird das nicht sonderlich intensiv verfolgt. Sacco und Vanzetti sterben auf dem elektrischen Stuhl, der Todeskampf dauert mehrere Minuten.

Das Entsetzen hat Kurt Tucholsky in „7/7“ festgehalten, einem verstörenden Gedicht: „Sieben Jahre und sieben Minuten / mussten zwei Arbeiterherzen bluten ... / Sieben Minuten: / Das Blut gerinnt. / Wisst ihr, wie lang sieben Minuten sind –? / Sieben Minuten Krampf und Qual, / Muskeln zucken noch ein Mal – / Blut kocht in Venen – Hebelgekreisch – / es riecht nach angesengtem Fleisch – / irr drehn sich Pupillen – das Ding sitzt gebunden / 420 lange Sekunden ... / Strom weg. Tot? Hallelujah! / Bravo! Bravo, U.S.A. –!“

Ein Lied hält die Erinnerung wach

50 Jahre später, im Jahr 1977, macht Michael Dukakis, der demokratische Gouverneur von Massachusetts, den 23. August zum Sacco-und-Vanzetti-Tag. Es geht ihm nicht um die Schuldfrage: „Die Atmosphäre ihres Verfahrens und ihrer Revisionen“, sagt Dukakis, „war durchdrungen von Vorurteilen gegen Ausländer und Feindlichkeit gegenüber unorthodoxen politischen Ansichten ... Schlichter Anstand und Mitgefühl, wie auch Respekt vor der Wahrheit und eine fortwährende Verpflichtung zu den höchsten Idealen unserer Nation erfordern, dass das Schicksal von Sacco und Vanzetti von allen im Gedenken bewahrt wird, die Toleranz, Gerechtigkeit und menschliches Verständnis wertschätzen.“

Stärker noch als Worte hat ein schlichtes, vom italienischen Filmkomponisten und Oscar-Preisträger Ennio Morricone komponiertes und von Joan Baez mit Unschuldsstimme gesungenes Lied die Erinnerung an Sacco und Vanzetti wachgehalten: „Here’s to you, Nicola and Bart“ ist so etwas wie eine Hymne der Menschenrechtsbewegung geworden. „That agony is your triumph“, heißt es am Ende – Das Leid ist Euer Triumph.

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