Gastbeitrag von Daniel Kraft „Ihr ruft nur an, wenn es brennt!“

Bonn · Gastbeitrag: Daniel Kraft von der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn über politische Osteuropavermittlung als Sisyphos-Aufgabe

 Letzter „Schrei“ aus dem virtuellen Raum: Juri Andruchowytsch im Schnellzug D8 von Czernowitz nach Lwiw.

Letzter „Schrei“ aus dem virtuellen Raum: Juri Andruchowytsch im Schnellzug D8 von Czernowitz nach Lwiw.

Foto: bpb

Juri Andruchowytsch steigt am 21. Februar 2022 in Ivano-Frankivsk in den Schnellzug D8 von Czernowitz nach Lwiw (Lemberg) und kommt direkt zum Punkt: „Die mediale Aufmerksamkeit der Welt erlangt die Ukraine leider nur im Moment der größten Bedrohung, in den schwierigsten Momenten der Geschichte.“ Dann würden sie alle anrufen, die Journalisten und würden in allen möglichen Sprachen ein Interview wollen. Und dann? „Wenn die Situation vorbei ist, verschwinden sie.“ So einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller der Ukraine. Er hatte lange das Gefühl, dass seine Appelle verhallen, die Welt nicht wahrgenommen habe, dass dies eine „Russland-Krise“ sei, die die Ukraine bedroht.

Während er spricht, geht mir immer wieder ein Abend von 2006 durch den Kopf, eine Lesung im Restaurant über dem Arp-Museum in Rolandseck. Ein gutes Dutzend Besucher waren zur Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung gekommen, das Projekt hieß „Potyah 76 – Zug 76. Ukrainische Autoren auf Tournee“, benannt nach jenem legendären Zug, der Varna mit Gdansk verbunden hat, vom Schwarzen Meer in Bulgarien bis hoch an die Ostsee in Polen. Durch einen Raum, der so vielen Deutschen so fremd, so unbekannt erscheint, obwohl er doch wie kaum eine andere Welt mit uns verbunden ist. Timothy Snyder hat ihn einmal als „Bloodlands“ beschrieben, gelegen auf dem Gebiet des heutigen Polen, der baltischen Staaten, Belarus, der Ukraine und Teilen Russlands. Und hörte man den Menschen von dort zu, dann zeichnete sich ein ganz anderes Bild vom „zurückgewonnenen Europa“ nach 1989; dann ist „Zukunft Geschichte“ (Masha Gessen), dann lastete ein unglaubliches „Gewicht im Nacken“ (Herta Müller).

Nicht richtig zugehört

 Daniel Kraft

Daniel Kraft

Foto: bpb

Aber wir haben nicht richtig zugehört! Oder sagen wir es so: falsch hingehört. Ganz oft. Nehmen wir als exemplarisches Beispiel einmal eine für Ost wie West wichtige Jahreszahl aus der Geschichte. Wir sagen 1968 und denken an Paris und „Ho Ho Ho Chi Min“ und meine Freunde in Prag und Bratislava schütteln den Kopf und denken an „Socialismus s lidskou tváří“`(Sozialismus mit menschlichem Antlitz) und wie dieser von russischen Panzern überrollt wurde, geschickt auch im Namen von jenen, die von westdeutschen Demons­tranten damals auf Plakaten hochgehalten wurden. Die Menschen in der Tschechoslowakei riefen 1989 „Zpátky do Evropy!“ („Zurück nach Europa“) und meinten und meinen damit vor allem: nix wie weg aus dem russischen Einflussgebiet. Aber wir wollten – und können – sie nicht (mehr) verstehen, nicht zuletzt ihre Sprache, die Bonner Slawistik wurde 2011 „eingespart“.  

Zurück zu diesem Abend in Rolandseck, zu der Lesung aus Andruchowytschs „Moscoviada“ über jenen Literaturstudenten Otto von F. aus der Westukraine, der in Moskau, dem „fauligen Herzen des halbtoten Imperiums“, lebt. Kassandraartig hat Andruchwotysch es uns schon entgegengerufen, was los ist mit dem Russland der untergehenden Sowjetzeit. Aber wir haben die Botschaft und ihren Botschafter exotisiert; haben sie ausgelagert in einen „fernen Osten“, haben vergessen, was das auch mit uns im „Westen“ und mit Europa im Ganzen zu tun hat. Die Teilnehmenden haben anschließend noch einen Rotwein getrunken und ein paar Schnittchen gegessen. Und schon sehr bald waren eine Kollegin und ich allein mit dem Dichter aus Ivano-Frankivsk, das auch einmal Stanisławów und Stanislau geheißen hat.

Ohren waren verstopft

Wir sprachen bis tief in die Nacht und schauten auf den träge dahinfließenden Rhein. Es war genau so ein Abend, wie ihn Volker Weidermann in der Wochenzeitung „Die Zeit“ kürzlich besprochen hat: „unsere Ohren waren verstopft“, stellt er fest: „die osteuropäischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller warnen uns seit Jahren vor Putin. Wir haben sie gelesen, gefeiert und ihre Warnungen in den Wind geschlagen, bis es zu spät war.“

Und jetzt, im Frühjahr 2022 sitzen wir wieder zusammen, wieder im Zug, wieder am Abend, aber 1022 km und eine manchmal wackelige Skype-Verbindung und ein knarzendes Headset trennen uns. Die Bahnreise 2022 ist eine virtuelle, aber das Anliegen ein altes: verstehen, was das östliche Europa prägt, was die Menschen in der Ukraine in dieser Stunde bewegt. Es ist der 21. Fe­bruar 20 Uhr, wahrscheinlich das letzte Gespräch des Schriftstellers, das noch vor dem russischen Angriffskrieg auf sein Land vor einem deutschsprachigen Publikum stattgefunden hat. In Lwiw steigt er aus, nochmals eindringlich warnend: „Putin hat zwei Varianten für die Ukraine. Erstens: wir kapitulieren, wir geben auf, wir werden „sein“ Volk. Die zweite Variante – Putin wird uns vernichten! Ich bin mit beiden nicht einverstanden.“

Im Livestream waren 80 Zuschauer dabei, ein paar mehr als damals in Rolandseck. Er war um 20.40 Uhr zu Ende, das Publikum stieg aus dem virtuellen Zug, dem D8, der von Czernowitz über Ivano-Frankivsk nach Lwiw führt und bei dem neben Juri Andruchowytsch noch die Journalistin Lilija Shutiak und die Übersetzerin Chrystyna Nazarkewytsch zugestiegen waren.

Ich weiß nicht, ob all diese Versuche, die Stimmen aus dem östlichen Europa hier im „Westen“ erklingen zu lassen, überhaupt irgendwer gehört hat. Auch diesen letzten „Schrei“ im virtuellen Raum. Aber ich weiß, dass die Vermittlung von Mittel- und Osteuropa in den letzten 30 Jahren eine Sisyphos-Arbeit war und der Stein gerade einmal wieder im Tal gelandet ist – und nein, man darf sich Sisyphos nicht als glücklichen Menschen vorstellen.

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