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Lesung des kurdischen Schriftstellers Bachtyar Ali: Im Himmel der Vorstellung

Lesung des kurdischen Schriftstellers Bachtyar Ali : Im Himmel der Vorstellung

Abgründige Komik und fantastische Volten vor dem Hintergrund der Gemetzel in den Kurdengebieten des Irak: Bachtyar Alis Roman „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ sperrt sich gegen jede Kategorisierung. Am kommenden Mittwoch ist der Autor zu Gast in der Bonner Buchhandlung am Paulusplatz

Zwischen den großen, episches Volumen erreichenden Romanen von Bachtyar Ali (bereits übersetzt: „Der letzte Granatapfel“, „Die Stadt der weißen Musiker“, „Perwanas Abend“) reiht sich ein neues Werk ein: Ein Spiel mit der kleinen Form, schlanke Prosa, Miniatur, Kammerspiel. „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“, 2010 im kurdischen Original erschienen und jetzt auch auf Deutsch vorliegend, ist eher Erzählung als Roman. Man kann diesen Text als Humoreske, als Märchen, als Schelmenroman lesen – und müsste dann seinen grausigen Hintergrund, die Kriege zwischen Irak und Iran, das Gemetzel, das Elend, das Leid kurzerhand ausblenden.

Parabel über die Unbehaustheit des Menschen

Man kann diesen Text auch als Parabel über die Unbehaustheit des Menschen lesen, als literarisches Echo auf Flucht und Odyssee, als Reflexion über „die Leere“, die „der wahre Spiegel unseres sinnlosen Lebens“ ist – und müsste dann seine abgründige Komik, sein schelmisches Zwinkern, seine fantastischen Volten ignorieren. Etiketten und Gattungsbegriffe sind untauglich angesichts dieses Romanwerks, dieser Autor spielt mit ihrer Verwechselbarkeit, selbst Tragödie und Komödie sind hier ununterscheidbar verflochten.

   Bachtyar Ali,     geboren 1966. 
Bachtyar Ali, geboren 1966.  Foto: Karim Khasraw/Unionsverlag / Karim Khasraw

Djamschid Khan, der Onkel von Salar und Smail, ist „eine ausgemergelte Klappergestalt“, „ein Geschöpf aus gilbigem Papier, ein schmächtiger Mann, der seitlich betrachtet nicht mehr war als eine Linie“, „der leichteste Mann der Welt“, „ein Mann, dünn wie Zigarettenpapier“. Mit einer höchst interessanten Folge: Djamschid kann fliegen! Ein leichter Windhauch, und er hebt ab; eine Brise, und er steigt auf, himmelwärts; ein Sturm, und er fliegt davon.

Der Text entsteht aus einer surrealen Prämisse

Salar und Smail müssen diesen Luftikus festbinden, ihn schützen vor Böen und Orkan – oder aber ihn, einem Drachen gleich, aufsteigen lassen in luftige Höhen, verzurrt an Lenkseilen, mit denen der Flugkurs gesteuert wird. Der Onkel als unbekanntes Flugobjekt: Dies ist die surreale Prämisse des Textes. Alles Weitere entwickelt sich mit zwingender poetischer Konsequenz.

Bachtyar Ali entwirft Djamschid als „Mythos des fliegenden Kurden“, als „Phantom zwischen Gerücht und Wahrheit“, als charakter­liches Chamäleon, das immer wieder vom Winde verweht wird, totgesagt, verschollen, ein Wiedergänger, ein Untoter, der immer wieder sein Gedächtnis verliert, der sich nach jedem Absturz aus den Lüften neu erfinden muss. Er ist dem Sisyphos näher als dem Odysseus: „ein Geschöpf, das dazu verurteilt ist, jedes Mal wieder von vorn zu beginnen“.

Und Djamschid ist noch mehr. Als Marxist und Kommunist wurde er von der irakischen Baath-Partei inhaftiert und gefoltert. Er war Soldat und Spion im „großen Iran-Irak-Krieg“, wurde „als Imam verkleidet“ zur Kriegspropaganda gezwungen; ist Frauenversteher und gehörnter Ehemann zugleich, ein Derwisch und Asket, der auf seinen Höhenflügen Gott begegnet („Er war pures Licht“). Er ist ein Hochstapler, der als Schleuser und Schlepper von Flüchtlingen ein märchenhaftes Vermögen macht („Bald hatten wir unsere erste Million verdient“); ein gerissener Erpresser und Fälscher, Gründer einer dubiosen „Nachrichtenagentur“, die Fake News im Internet lanciert („Denn der Mensch ist ein hirnloses Wesen, er glaubt, was im Internet veröffentlicht wird“); und schließlich wird er zur arm­seligen Kreatur, die, „in einen Käfig gesteckt und in Ketten gelegt“, als „fliegender Affe“, als Attraktion eines Vergnügungsparks, dem gaffenden Publikum gegen Geld präsentiert wird.

Die Luftgeschäfte der Poesie

Am Ende entscheidet sich der Onkel, „wegzufliegen ohne Wiederkehr“. Aber Bachtyar Ali wäre nicht der grandiose Erzähler, der er ist, beließe er es bei diesem Finale. Sein großer kleiner Roman endet mit einer veritablen Überraschung. „Von den Luftgeschäften der Poesie“ hat Christoph Meckel seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen überschrieben. In diesen Himmel der reinen Vorstellung, Gegenwelt aus Schwerelosigkeit und Entgrenzung, wollte auch Djamschid auferstehen. Das Schicksal wird ihm etwas Anderes bescheren.

Bachtyar Ali: Mein Onkel, den der Wind mitnahm. Unionsverlag Zürich, 160 S., 20 Euro