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Ausstellung „Mapping the Collection“: Kölner Museum Ludwig zeigt Kunst aus einem anderen Amerika

Ausstellung „Mapping the Collection“ : Kölner Museum Ludwig zeigt Kunst aus einem anderen Amerika

Eine Sammlung von US-Kunst der 1960er und 1970er Jahre beleuchtet aktuell das Kölner Museum Ludwig neu. Jedes Werk der Ausstellung „Mapping the Collection“ erscheint im historisch-politischen Kontext.

Die schöne, bunte Pop-Art-Welt mit den lustigen Brillo-Boxen von Andy Warhol, Tom Wesselmans nackter Blondine, die sich gerade im Badezimmer abtrocknet, und den weißen Helden von Richard Lindner: Diese schöne, bunte Welt, in Jahrzehnten unter anderem von Peter und Irene Ludwig in Gestalt von Kunstwerken zusammengesammelt, stimmt offenbar nicht mehr, erzählt zu einseitig von einer US-Gesellschaft, die es so schön und bunt in Wirklichkeit nie gegeben hat.

Das ist grob zusammengefasst das Fazit von Janice Mitchell, die zwei Jahre lang, finanziert von der Terra Foundation, im Kölner Museum Ludwig recherchiert hat. Genauer: Sie hat die Sammlung amerikanischer Kunst der 1960er und 1970er Jahre – ein Filetstück des Museum Ludwig – aus einer postkolonialen, feministischen, gender-theoretischen und queeren Perspektive analysiert. Das englische Wort „queer“, war einst Schimpfwort für Homosexuelle, ist seit den 1990er Jahren als Selbstbezeichnung unter anderem für Lesben, Schwule und Bisexuelle positiv besetzt.

Herausgekommen ist die hochinteressante Ausstellung „Mapping the Collection“, die eine Handvoll klingender Namen der Pop-Art-Sammlung mit unbekannteren, nicht minder sehenswerten Künstlern konfrontiert: viele Frauen, indigene und afroamerikanische Künstler und Künstlerinnen. Spannend bei Mitchells Ansatz ist auch, dass sie die Kunst stets in ihren historisch-politischen Kontext stellt, wenn sie nicht sowieso Teil der politischen Auseinandersetzung war. Die Kuratorin hat ein lesenswertes Glossar (gratis in der Ausstellung) zusammengetragen, in dem fast alle Werke in ihr jeweiliges politisches Umfeld gestellt werden. Die 1960er und 1970er Jahre waren von einer besonderen politischen Brisanz – Bürgerrechtsbewegung, Frauenbewegung, Vietnamkrieg, Antikriegsdemonstrationen, Aktivisten von Black Power bis Gay Power markieren den gesellschaftlichen Umbruch. All dies spiegelt sich in der Ausstellung.

Massaker an den Indianern

Welches Bild von Amerika haben wir? In der Ausstellung hängt Roy Lichtensteins „Rote Scheune“, ein comicartig vereinfachtes Abbild eines typisch amerikanischen Bauwerks in einer Landschaft. Im Museum Ludwig hängen ganz in der Nähe als Kontrast Charles Leander Weeds romantisch aufgeladene Fotos vom Yosemite-Nationalpark (19. Jahrhundert). Während nun Lichtensteins „Scheune“ die Idealisierung der amerikanischen Landschaft ins Ironische wendet, bringt der indigene Maler T. C. Cannons eine politische Note ins Spiel: „All die müden Pferde in der Sonne“ zieht den Mythos der weißen Cowboys ins Lächerliche, ein anderes Bild thematisiert ein Trauma der indigenen Geschichte, das Massaker von Wounded Knee (1890), bei dem fast 300 Indianer vom US-Militär ermordet wurden.

Eindrucksvoll dokumentiert die Schau die großen Bewegungen der 1960er und 1970er, wobei auch Zwischentöne zu hören sind: Während etwa Anna Medieta in einer Fotoserie gleichermaßen Feministisches wie Genderfragen ventiliert, thematisiert Howardena Pindell im Video „Frei, Weiß und 21“ rassistische Erfahrungen und das Unbehagen der Women of Color, die sich von der Frauenbewegung an den Rand gedrängt fühlten.

Eine andere große Bewegung war die der Vietnamkriegsgegner. Die katholische Nonne Corita Kent kommentierte mit ihrer eigenwilligen Pop Art das Tagesgeschehen und träumte von einer besseren Welt. Claes Oldenburg reagierte mit einem Multiple, ein seltsam deformierter roter Hydrant,  auf Gewalt in Chicago. Robert Indiana, auch er einer der ganz Großen der Pop Art, brachte in seinen Schrift-Bildern subtil politische Botschaften unter.

Fotos von Demonstrationen

Die Ausstellung präsentiert so bizarre Künstler wie den aus Mexiko stammenden Chicano Harry Gamboa Jr. mit seinen Happening-artigen Inszenierungen auf der Straße, aber auch atmosphärische Demo-Fotos von Ruth-Marion Baruch und Pirkle Jones, schließlich die hinreißende Aktion von David Wojarnowicz, der Ende der 1970er Jahre mit einer Rimbaudmaske durch New York zog und das mit der Kamera dokumentierte.

Das ist wirklich ein anderes Amerika als das, was wir in der ersten Etage des Museums Ludwig in der engen, bunten Pop-Art-Abteilung erleben.