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Nachruf auf Mainhardt Graf von Nayhaus: Kolumnist der Republik

Nachruf auf Mainhardt Graf von Nayhaus : Kolumnist der Republik

Der Journalist Mainhardt Graf von Nayhaus wohnte zuletzt in Kessenich. Nun ist er 94-jährig gestorben. Er war der Chronist der Bonner Republik.

Gefragt, warum er sich das „Affentheater“ Politik antue, das er wie kaum ein anderer aus mehreren Perspektiven kannte, sagte er: „Zum Menschsein gehört das sich Beschäftigen. Hingehen, beobachten, nach Hause kommen und schreiben, für mich bedeutet das Erfüllung wie ein Maler sie beim Malen erlebt.“ Das Credo eines Vollblutjournalisten. Mainhardt Graf von Nayhauß war 79, als er dieses Bekenntnis abgab, in einem Interview mit der „taz“, das Zeile für Zeile, Anek­dote für Anekdote die Erfahrung aus Jahrzehnten mit einem Sinn für Sprachwitz und origineller Fabulierkunst verknüpft.

Genscher stellte seine Memoiren vor

Auch seine Memoiren „Chronist der Macht“, die ein knappes Jahrzehnt danach erschienen – Ex-Außenminister Hans Dietrich Genscher stellte sie 2014 vor – zeugen gleichermaßen von profundem Faktenwissen wie vom Impuls, geistreich zu unterhalten. Die perfekte Mischung für jeden Journalisten, der auch gelesen werden will. Das hat er beherrscht, schrieb lange Jahre aus Bonn für den „Spiegel“ und „Bild“, für „Stern“, „Quick“, „Jasmin“, „Wirtschaftswoche“ und „Die Welt“.

Wieviel Distanz braucht ein Journalist?

Dabei beschrieb er den Politalltag detailreich, garnierte das Ganze mit Persönlichem und Klatsch. „Wieviel Distanz braucht ein Journalist?“, wurde er gefragt. Seine Antwort: Der Journalist müsse nah dran sein, dürfe sich auch von einem Politiker nach Hause einladen lassen, dürfe dann aber nicht kneifen, wenn es darum gehe, „berechtigt kritisch“ Hintergründiges zu schreiben. Nie um eine Antwort verlegen. Ein journalistisches Urgestein – um das jetzt Wegbegleiter und Bewunderer trauern. Am vergangenen Freitag ist Mainhardt Graf von Nayhaus, mit vollem Namen Mainhardt Maria Stani Julius-Cäsar Eduard Franciscus Hubertus Graf von Nayhauß-Cormons, 94-jährig gestorben. Zuletzt hatte er in Kessenich gelebt.

Für den „Spiegel“ nach Bonn

Nayhauß wurde in Berlin geboren, seine Familie stammt aus Schlesien, der Vater, ein Gegner der Nazis, wurde 1933 von der Gestapo zu Tode gefoltert. Nach dem Krieg – da war er unter anderem bei der Waffen-SS – begann Mainhardt Graf von Nayhauß seine journalistische Karriere. In Berlin arbeitete er unter anderem beim schwedischen Generalkonsulat und unter dem Decknamen „Michael Cormons“ beim Sender Rias. Beide Stellen verlor er 1955. Weil er sich als Diplomat ausgab, bekam Nayhauß Termine sowohl bei Axel Springer als auch bei Rudolf Augstein. Letzterer bot ihm eine Stelle an.

Für den „Spiegel“ ging er nach Bonn, landete mit seinem ersten Artikel über Konrad Adenauer gleich einen Coup. Er deckte auf, dass der Bundeskanzler Urlaub in der Privatvilla des Ex-Nachrichtendienst-Mitarbeiters und Gründers der Tessiner Faschistischen-Bewegung Nino Rezzonico machte, wo er abgehört werden könnte. Legendär ist auch sein Beitrag über eine Adventsfeier im Bundesamt für Verfassungsschutz, die als Saufexess endete.

„Schmidts Herz stand vier Mal still“

Für „Bild“ schrieb er 1981 die Enthüllungsstory „Schmidts Herz stand vier Mal still“. Nayhauß war damals der einzige Journalist, der wusste, warum Kanzler Helmut Schmidt im Krankenhaus lag. Sein Informant war einer der behandelnden Ärzte.

Nayhauß erreichte mit seinen „Bild“-Zeitungskolumnen „Bonn vertraulich“ (1981 bis 1999), „Berlin vertraulich“ (1999 bis 2005) und „Meine Top 10 der Woche“ ein Millionenpublikum. Außerdem schrieb er Kolumnen für die „Bunte“ und „Netzzeitung“, veröffentlichte Biografien über Helmut Schmidt (1988) und Richard von Weizsäcker (1994).

Mit Kohl im Kaukasus

Der Journalist Rainer Blasius von der „FAZ“ zählte alleine 5500 Kolumnen von Nayhauß für „Bild“ und kolportiert folgende Geschichte: Als Helmut Kohl im Juli 1990 zu Michail Gorbatschow in Sachen Wiedervereinigung in den Kaukasus reiste, nahm er allein Nayhauß mit (150 Journalisten waren nach Moskau angereist). Begründung des Regierungssprechers: Nayhauß vertrete die „Bild“ mit 5,5 Millionen Auflage und 15 Millionen Lesern. Offenbar reichte das Kohl.

Das waren andere Zeiten und auflagentechnisch Traumzahlen.