Peter Fox und „Zukunft Pink“ Krise? Welche Krise?

Bonn · Peter Fox verbreitet in seinem Song eine Art trotzigen Optimismus. Er ist nicht der erste Musiker, der die Menschen in Krisenzeiten bei Laune halten will. Eine kleine Kulturgeschichte der Durchhaltesongs.

 Peter Fox mit der Band SEEED vergangenen Mai bei einem Konzert im Berliner Mellowpark.

Peter Fox mit der Band SEEED vergangenen Mai bei einem Konzert im Berliner Mellowpark.

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Kira Hofmann

Die Eingangsszene aus dem Video von Peter Fox‘ jüngstem Hit „Zukunft Pink“ könnte als Vergangenheitsbewältigung durchgehen. Da schlägt der Sänger unbarmherzig mit der Faust auf jemanden ein, der sich als sein Doppelgänger herausstellt; glücklicherweise ist das Opfer nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Metall. „Hab‘ meinen Avatar gekillt, weil ich selber auf die Party will“, klärt Peter Fox im Video sprechsingend auf, während er den leblosen Körper auf den Armen durch eine große Halle trägt. Lasst alles Schlechte hinter euch, kann man Fox‘ Botschaft übersetzen. Und schaut nach vorn: „Alle malen schwarz, ich seh‘ die Zukunft pink, wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind“, bringt es Fox‘ Songpartnerin Inéz Schaefer im Refrain auf den Punkt. Alles wird gut. Trotz Krieg, Klimawandel, Corona und explodierender Energiepreise. In den Kommentarspalten der Youtube-User trifft man auf dankbare Stimmen: „Einfach mit einem Lied den hängenden Kopf dieser Gesellschaft wieder aufgerichtet“, freut sich einer.

„Don’t Worry, Be Happy“ 

Krise? Welche Krise?, scheinen die entspannten, aus Südafrika entlehnten Amapiano-Rhythmen zu fragen (durch deren Verwendung Fox sich den absurden Vorwurf der kulturellen Aneignung einhandelte). Mit „Zukunft Pink“ bringt der Sänger eine in der Popkultur verbreitete Haltung zum Ausdruck. Die britische Band Supertramp hat sie auf dem Cover ihres 1975er-Albums „Crisis? What Crisis?“ auf ikonische Weise festgehalten. Mitten im Chaos der britischen Wirtschaftskrise. Designer Paul Wakefield hatte vor dem in Schwarz-Weiß gehaltenen Hintergrund einer dystopisch anmutenden walisischen Kohlenindustrielandschaft einen Mann in Badehose und Sonnenbrille auf einen Liegestuhl platziert – das erfrischende Kaltgetränk in Reichweite auf einem Tischchen unter dem orangefarbenen Sonnenschirm. Einfach mal einen coolen Drink genießen und alles Graue ausblenden. Besser lässt sich Eskapismus kaum darstellen.

Die Popkultur hat die Menschen schon oft durch Krisenzeiten begleitet, ihnen unhaltbar scheinende Versprechungen auf eine bessere Welt gemacht, sie abgelenkt, mit Tröstungen, Träumen und Sehnsüchten gespielt. „Don’t Worry, Be happy“, gab Bobby McFerrin den Menschen 1988 mit auf den Weg. Und Elton John trotzte den Widrigkeiten des Lebens mit seinem Hit „I’m Still Standing“, Gloria Gaynors 1978er Disco-Hit „I Will Survive“ wurde zur wichtigsten Hymne schwulen Lebens- und Selbstwertgefühls. Und ein Kampflied gegen die Aids-Gefahr.

Manche Lieder entwickeln eine sehr besondere Wirkmächtigkeit. Lale Andersen gelang mit ihrer 1939 erschienene Aufnahme von Norbert Schulzes „Lili Marleen“ ein Millionenerfolg. Das von einem leisen Marschrhythmus getragene Lied handelt von einem Soldaten, der von seiner Geliebten träumt, die er irgendwann vor seiner Kaserne wiederzusehen hofft. Es geht um Gefühle wie Heimweh, Liebe, Sehnsucht und Hoffnung. Damit konnten sich auch die Soldaten auf der anderen Seite der Front identifizieren. Wenn der deutsche Soldatensender Radio Belgrad das Lied jeden Abend um kurz vor 22 Uhr sendete, ließen die Soldaten der verfeindeten deutschen und britischen Armeen für ein paar Minuten die Waffen ruhen, drehten ihre Radios auf und hörten andächtig zu. Propagandaminister Joseph Goebbels hasste das Lied, fand es „defätistisch“ und „stinkend wie eine Leiche“. 

In dem deutschen NS-Propaganda-Spielfilm „Die große Liebe“ von 1942 ist die Schauspielerin Zarah Leander gleich mit zwei Durchhalteschlagern vertreten: „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, beides Lieder, mit denen auch sie die Menschen mitten ins Herz traf. Kein Wunder, dass die Lieder sich von dem Propaganda-Film emanzipierten und sogar noch in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit Trost und Hoffnung verbreiteten: „Davon geht die Welt nicht unter / Sieht man sie manchmal auch grau / Einmal wird sie wieder bunter / Einmal wird sie wieder himmelblau.“ Oder eben pink.

Auch nach Putins Angriff auf die Ukraine kamen Reaktionen aus der Popmusik. Selbst die legendäre britische Band Pink Floyd zog es in einer ersten Reaktion nach 28 Jahren Band-Pause wieder ins Studio. Schlagzeuger Nick Mason und Gitarrist David Gilmour ließen den Mythos – wenn auch nur kurzzeitig – wieder auferstehen, um ein weltweit hörbares Zeichen gegen diesen Krieg zu setzen. „Hey Hey Rise Up“ heißt das hymnische Opus, das sie zusammen mit dem ukrainischen Sänger Andriy Khlyvnyuk einspielten. Die mediale Reaktion war enorm. Aber die Kraft von Lale Andersens „Lili Marleen“ konnte das Lied nicht entfalten.

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