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Kunstmuseum in Bonn: Wie Martin Noël die Freiheit der Malerei entdeckte

Ausstellung in Bonn : Wie Martin Noël die Freiheit der Malerei entdeckte

„Paintprintpaint“: Eine Herausragende Ausstellung des Kunstmuseums Bonn erinnert an den vor zehn Jahren verstorbenen Bonner Künstler Martin Noël. Der Tod des Künstlers hatte seinerzeit für Entsetzen in der Kunstszene gesorgt.

Im November 2010 starb der Bonner Künstler Martin Noël gerade einmal 54 Jahre alt an einer tückischen Krebserkrankung. So lange er konnte, zuletzt ging es nur noch mit der linken Hand, hatte er gemalt, hatte zu einer ungeahnten Freiheit, einer völlig neuen, lichten Farbigkeit gefunden. Das war kein bilanzierendes Spät- oder Abschiedswerk. Das war ein beherzter Aufbruch zu ganz neuen Ufern.

 Die Kunstszene war entsetzt über den Tod dieses überaus beliebten Künstlers. In Berlin geboren, in Köln und Bonn mit dem rheinischen Frohsinn infiziert, hatte es das Kommunikationstalent Noël nicht schwer, seine Netze zu knüpfen – mit den Kulturleuten vom Museumsgänger bis zum Jazz-Enthusiasten, aber auch mit den Fußballfans und Aficionados der Telekom Baskets. Ein bunter Hund, Feierbiest und Kumpeltyp. So erschien er vielen. Und war doch auch ganz anders. Wenn nun zehn Jahre nach Noëls Tod und mit kritischer Distanz Ex-Bundeskunsthallenchef Wenzel Jacob mit Noëls Witwe Margarete sowie Intendant Stephan Berg und Anne Niehoff vom Kunstmuseum Bonn einen Blick auf das Werk des Malers werfen, fällt das Bild vielleicht düsterer als erwartet aus: Kein Konfetti und Goldglanz, sondern ein Ringen mit Farbe und Ausdruck, keine Anekdoten und  Verzällcher, sondern sehr ernste, große Bilder, die erst auf den zweiten Blick den subtilen Witz Noëls verraten.

Von „Hässler“ bis „San Siro“

Denn der Maler arbeitete gerne zweigleisig: Während auf der Leinwand, dem Papier  oder dem Holz große Themen verhandelt wurden, etwa einerseits das der Abbildung von Körperlichkeit, von Gesichtszügen sowie Linien aus der Natur oder andererseits das der Analyse von grafischen Strukturen bei Rembrandt oder Ernst Ludwig Kirchner, lief die Titelgebung auf einer ganz anderen Schiene.  Fußballer („Hässler“) und Stadien („San Siro“) kommen da zum Einsatz. Wer aber meint, die wunderbare „Otto“-Serie sei nach Otto Rehhagel (den er sehr schätzte) benannt, der irrt: Sie ist dem abstrakten Maler Otto Freundlich gewidmet, den ihm Vorbild war, mit dessen Abstraktion und Farbigkeit er sich intensiv beschäftigte.

Mit zwei großen „Otto“-Bildern (2001) – dicke, rohe Holzplatten mit geglätteten Partien, die eingefärbt wurden – und einer Reihe von Arbeiten der 1980er Jahre startet die Schau. Kaum jemand wird diese frühen Bilder kennen: Pastoser Auftrag, wilde Geste, schwere, düstere Farbigkeit, mit Händen und breitem Pinsel auf die Leinwand gedrückt, dazu Ruß und Kaffeesatz. Typisch Ende der 1980er. Dazu figurative Zitate, etwa die Füße der Jungbauern aus August Sanders  berühmtem Foto, aber auch feine Linien, Umrisse, wie sie das spätere Werk bestimmen werden.  Ein Bild von 1986 mit zwei Zonen lässt  vermuten, dass sich Noël damals schon von der Gegenständlichkeit verabschieden wollte. Bald lässt er auch die Malerei links liegen. Warum? Jacob meint, er sei eben kein Schnellmaler gewesen, habe darin nicht seine Erfüllung gefunden.

Die Mühen der Produktion

Noël wendet sich dem Holz- und Linoldruck zu. Da wirft man nicht virtuos eine Linie aufs Papier sondern fräst  mit einem Grabstichel oder Messer Linien in den Druckstock, arbeitet sich mühevoll durchs Material. Häufig druckte Noël helle Farbe auf eine schwarz grundierte Fläche. Gedruckt wurden also nicht die Linien, sondern das Umfeld. Faszinierend an Noëls Drucken ist, dass die Linie frei von allen Mühen der Produktion erscheint. Und was in der Ausstellung auffällt:  Die großformatigen Drucke bestehen auf gleicher Augenhöhe neben der Malerei.

1998 hatte Noël ein Stipendium in New York. Gefesselt war er von den feinen Rissen in den Bodenplatten vor dem World Trade Center, die vom Bombenattentat durch islamistische Terroristen im Jahr 1993 herrührten. Er pauste sie ab, übertrug sie auf Linol, um eine umfangreiche Serie zu drucken. Er erkannte aber auch die eigene ästhetische Kraft der Druckstöcke, ein entscheidender Schritt in Noëls Werk. Er füllte die Linien mit Gips, bemalte die Fläche grau und schuf so eine Serie von Wandobjekten. Mit einem ähnlichen Verfahren wurden aus Holzdruckstöcken „Hölzer“, eigenständige Wandobjekte.

Die letzten Arbeiten

Die Bonner Ausstellung demonstriert eindrucksvoll, wie sich diese „Hölzer“ durch eine differenzierte Bemalung in verschiedenen Weiß-Abtönungen quasi wieder der Malerei zuwenden. 2008 entsteht das Werk „Miles Davis“, der Jazzer Nils Landgren wird 2009 mit einem solchen Werk geehrt. Es ist die Zeit, als die Krebserkrankung diagnostiziert wird und Noël sich nach malerischen Anfängen und einer starken Phase der Auseinandersetzung mit der Druckkunst wieder der Malerei zuwendet – treffend heißt die Schau „paintprintpaint“.

Fünf letzte Bilder hängen zusammen mit ausdrucksstarken „Hölzern“ im letzten Raum: helle Pastellfarben, kräftiges Rot und Blau auf einem Grund, der aus hunderten Weißnuancen zu bestehen scheint, kurze, kräftige Pinselhiebe und doch eine unglaubliche Leichtigkeit. Es scheint, als habe er das Licht eingefangen, lasse die Farben auf der Leinwand tanzen. Ein Akt der Befreiung. Die Titel beziehen sich auf den Künstler selbst, es fallen Namen wie „Artus“ und „Petrus“. Und dann „Hieronymus“: ein Traum in Weiß, die pure Transzendenz. Ein Werk, das allein schon den Besuch der Schau lohnt, die den Martin Noël, den man so gut zu kennen meint, neu entdecken lässt.