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Frauen als „dekorative Objekte“ oder „femmes fatales“: #MeToo setzt die Kunst unter Zensurdruck

Frauen als „dekorative Objekte“ oder „femmes fatales“ : #MeToo setzt die Kunst unter Zensurdruck

Im Zuge der „#MeToo“-Bewegung gerät die Kunst unter Zensurdruck. Der Kölner Museumschef Marcus Dekiert sieht die Entwicklung mit Sorge.

Bislang durften die neugierigen Mädchen den Jüngling sanft in den Tümpel ziehen, doch mit den koketten Wasserspielen ist es in der Manchester Art Gallery vorerst vorbei: Das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ (1896) von John William Waterhouse wurde von der Kuratorin abgehängt. Als Zensur will Clare Gannaway dies nicht verstanden wissen, sondern als „Kunstaktion“. Die solle im schäumenden Kielwasser der „#MeToo“-Debatte die Darstellung von Frauen als „dekorative Objekte“ oder „femmes fatales“ kritisieren.

Marcus Dekiert, Direktor des Wallraf, stört dabei, „dass wir uns an einen völlig ahistorischen Zugriff gewöhnt haben. Wir legen hier ein Bild des späten 19. Jahrhunderts unter unser heutiges Raster. Obwohl das Werk mit ganz anderen Absichten und unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden ist. Diese auszublenden, ist keineswegs aufklärerisch“.

Dekiert sieht eine „eine stark moralisch grundierte Debatte“

Der Wallraf-Chef sieht aktuell „eine stark moralisch grundierte Debatte“, die schon an Zensur grenze. „Deshalb sollten wir die Freiheit der Kunst als ganz zentrales Anliegen sehen.“ Dekiert weiß, dass es sonst nicht nur in seiner Barockabteilung rasch leere Wände gäbe. Angesprochen auf Bouchers „Ruhendes Mädchen“, gibt er zu: „Das wäre ein ganz heißer Kandidat.“ Die F.A.Z. hat soeben auf einer Doppelseite Gemälde gezeigt, die der frauenpolitischen Manchester-Doktrin zum Opfer fallen müssten – darunter Edouard Manets nackte „Olympia“, Franz von Stucks „Sünde“ und Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“.

Um unliebsame Kunst loszuwerden, muss nicht einmal besonders trennscharf diskutiert werden. So setzten die Studenten der Berliner Alice Salomon Hochschule die Übermalung eines Fassadengedichts von Eugen Gomringer durch, weil eine Zeile „sexistisch“ sei. Solche Kampfbegriffe gewinnen im Schonraum politischer Korrektheit ungeahnte Schlagkraft.

Dass Kunst Zumutung, auch Tabubruch sein darf, musste lange gegen Kirche und Politik erstritten werden. Doch diese Freiheit wird nun dem vorauseilendem Gehorsam gegenüber vermeintlich Diskriminierten geopfert. Für Dekiert ein Fehler: „Natürlich muss man über Umstrittenes diskutieren – es einfach nicht zu zeigen, ist der falsche Weg.“ Doch der wird gern beschritten, zumal nach den Missbrauchsvorwürfen gegen Kevin Spacey, Harvey Weinstein und Dieter Wedel auch die Künstler selbst auf die moralische Waage gelegt werden. Die National Gallery in Washington sagte eine Ausstellung des seit Jahrzehnten gelähmten Chuck Close ab, weil der sich anstößig gegenüber Modellen geäußert habe.

Städel-Direktor Philipp Demandt warnt: „Wenn ich die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab mache, sind die Museen bald leer.“ Ihn stört zudem, dass die Sittenrichter ihr Urteil gern nach Hörensagen fällen. Auch Dekiert hält es für „völlig falsch“, mit dem Künstler gleich das Werk zu ächten. „Wir wissen, dass Caravaggio jemanden umgebracht hat und auf der Flucht vor den Behörden gestorben ist. Sollen wir etwa deshalb seine Werke nicht mehr zeigen?“ Auf den Index kämen dann auch die Gedichte von Gottfried Benn, der zeitweise arge Nazi-Nähe zeigte, und die Filme des Blondinenquälers Hitchcock.

Gibt es in Zukunft nur noch nichtrauchende Veganer?

Doch wenn Wagners Musik sogar in Israel erklingen darf, erscheint es für zarte Seelen hierzulande zumutbar, Rubens' Nackte zu ertragen. „Und wenn einem ein Werk nicht gefällt, schaut man eben das nächste an“, rät Dekiert. Das ist den neuen Zensoren zu wenig, und so wurde New Yorks Metropolitan Museum aufgefordert, Balthus' laszives Mädchenporträt „Thérèse, träumend“ abzuhängen. Das Haus widerstand der Petition und fordert „eine informierte Debatte und die Ermutigung künstlerischen Ausdrucks“. Während Schwarzseher glauben, dass künftige Museen nur noch Werke nichtrauchender Veganer zeigen, sieht Dekiert sogar Positives: „Wir erleben hier doch die unglaubliche Wirkung der Kunst – auch als Plattform für das, was global gesellschaftlich diskutiert wird.“