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Comedy und Musik im Pantheon und Casino: Alle kriegen ihr Fett weg

Comedy und Musik im Pantheon und Casino : Alle kriegen ihr Fett weg

Wenn Max Uthoff dürfte, wie er wollte, würde es wahrscheinlich Prügel setzen. Mit der zusammengerollten Bild-Zeitung feste drauf auf die ganze Politiker-Riege. Am besten alle in einen Sack stecken, es würde schon immer den oder die Richtigen treffen.

  • Max Uthoff. Wenn Max Uthoff dürfte, wie er wollte, würde es wahrscheinlich Prügel setzen. Mit der zusammengerollten Bild-Zeitung feste drauf auf die ganze Politiker-Riege. Am besten alle in einen Sack stecken, es würde schon immer den oder die Richtigen treffen. Da körperliche Züchtigung aber im Gegensatz zum Pisa-Überflieger Südkorea hierzulande nicht auf der Tagesordnung steht, muss der Münchener Kabarettist, der jetzt zu Gast im Bonner Pantheon war, eben verbal angreifen.
  • Dafür aber umso heftiger. Alle kriegen sie ihr Fett weg, ob Regierung oder Opposition, die die parlamentarische Demokratie in einen jämmerlichen Zustand gebracht haben, ob Verfassungsschutz oder katholische Kirche, ob Finanzberater oder Facebook-Enthusiasten. Uthoff rechnet ab - und gegen sein Ergebnis ist der Schuldenstand der USA noch relativ nah an den schwarzen Zahlen dran.
  • Zynisch donnert das Maschinengewehr des deutschen Kabaretts gegen Gott und die Welt und nimmt dabei auch Querschläger in Kauf. "Man sollte auch Bild-Zeitungslesern vorurteilsfrei begegnen", sagt er etwa, nur um dann doch in seinem gewohnt dozierenden Duktus über die ungewaschenen Proleten-Massen abzulästern. Oder über die Bewohner bestimmter Bundesländer.
  • Dabei geht es Uthoff nicht nur um Angriffe um ihrer selbst willen. Zumindest nicht nur. Mit Verve kämpft er gegen Lobbyisten, die Zustände wie in Bangladeshs Textilfabriken oder Katars Baustellen erträumen. Und mit Blick auf die von Männern festgelegten Quotenregelungen und den laut einer Umfrage von vielen Frauen als fair bezeichneten Gehaltsunterschieden zwischen den Geschlechtern sieht er den Feminismus gerade erst am Anfang: "Emanzipation ist noch nicht, wenn man freiwillig das macht, was der Mann will."
  • Daltons Orckestrar. Vier Männer und eine Bassbalaleika, dazu Luftballons, Wunderkerzen und was Edgar Busch, Christoph Holtermann, Fabi Torboli und Klaus Martin Wölk sonst noch so alles in ihrem Wunderkoffer mit sich tragen. "Daltons Orckestrar" nennen sich die vier, die in ihrer Heimatstadt Hagen inzwischen Kultstatus genießen und Ähnliches auch bei uns in Bonn verdient hätten ... Der Zuschauerkreis bei ihrem Auftritt im Pantheon Casino lässt sich aber bislang eher mit dem Wort "familiär" bezeichnen.
  • Sei's drum: Der musikalischen und komödiantischen Qualität der vier Herren in schwarzen schlichten Hosen und makellosen weißen Hemden tut das wahrlich keinen Abbruch. Sie lassen profane Städtenamen wie Poesie klingen, und diese Lautmalerei von einer charmanten asiatischen Frauenstimme aus dem Off moderiere, um anschließend als Klezmorim mit besagten Wunderkerzen am Schlagzeug und am Gitarrenhals das Tempo um gefühlte 100 Stundenkilometer zu steigern.
  • Sie haben ein Faible für Jacques Brel und interpretieren seine "Madeleine" kongenial. Und sie unternehmen zu guter Letzt einen Kurzausflug in die Welt das deutschen Schlagers: "Stellen Sie Ihre Ohren 35 Jahre zurück". Aber gerne. Und noch ein Stück weiter; bis zu den Beatles mit "I Feel Fine". Aber da sitzen die Orchestermusiker schon auf dem Bühnenrand des Casinos, trinken Rotwein und plaudern vertraut mit ihren Zuhörern. Deren Zahl ist noch überschaubar. Aber wie eingangs gesagt ... das muss ja nicht so bleiben.
  • Christoph Sieber. Er zählt zu den großen Umschaltern. Genauer: zu den großen Könnern unter den großen Umschaltern. Christoph Sieber beherrscht die Klaviatur zwischen scheinbar gemütlicher schwäbischer Dampfplauderei, abgründigen Alltagsanekdötchen und der ernsthaften, kompromisslosen Anklage; er haut auf dem kabarettistischen Topspeedparcours kurzzeitig den Rückwärtsgang hinein oder vollführt einen U-Turn. Christoph Sieber ist ein funkensprühender Kabarett-Cascadeur, der inzwischen in der Königsklasse des deutschen Politkabaretts angekommen ist, was er im ausverkauften Pantheon mit spielerischer Leichtigkeit unter Beweis stellt.
  • Selbst das omnipräsente Deutsche-Bahn-Bashing gerät bei ihm erfrischend anders. Und zur Technisierung der Welt sagt er: "Ich glaube, das hat System. Die haben uns inzwischen überall Knöpfchen hingemacht, damit wir das Gefühl bekommen, alles im Griff zu haben." Zorn sei eines der "wichtigsten Schmiermittel" der Gesellschaft, "wir dürfen aber nicht blind vor Wut werden".
  • Sieber steht auch auf gruselige Experimente: Im Sekundenbruchteil mutiert er zum Gaudi-Gustl, lässt den Tontechniker Marschmusik aufdrehen, und sofort klatscht der halbe Saal mit. Stopp! "Das ist doch ein Zeichen sozialen Ausgleichs, dass die jungen Menschen so viel saufen, dass die alten Menschen vom eingesammelten Flaschenpfand leben können." In das sofort aufsteigende empörte Raunen wird erneut abrupt die zackige Marschmusik hinein geschnitten - und wieder klatscht die Hälfte der Zuschauer mit. Wenn du lange genug in den Abgrund hinein siehst, sieht der Abgrund auch in dich hinein.