1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Regional

"Das Fest" in den Kammerspielen: Alles eine Frage des Blickwinkels

"Das Fest" in den Kammerspielen : Alles eine Frage des Blickwinkels

Die heile Welt, sie ist nur Schein. Ein Konvolut aus Verdrängung und Verleugnung lauert unter der alkoholgetränkten Fassade des Dramas "Das Fest", das am Freitag in den Kammerspielen Bad Godesberg Premiere feiert.

"Die bürgerliche Gesellschaft wird als Farce entlarvt", sagt Regisseur Martin Nimz über das von ihm inszenierte Stück, das auf dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg beruht. Denn die schmutzige Wahrheit interessiert keinen: Familienoberhaupt Helge, dieser nach außen hin so charmante, sympathische 60-jährige Jubilar, wird mitten auf seiner Geburtstagsfeier von Sohn Christian des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, an ihm und an seiner dadurch in den Selbstmord getriebenen Schwester.

Glauben will ihm das keiner. "Christian führt einen fast schon fanatischen Kampf um die Wahrheit", erklärt Nimz. "Doch um zu gewinnen, braucht er die Solidarität seiner Geschwister, die er lange Zeit nicht bekommt." Verdrängung ist eben einfacher, zumal auf dem Fest der Wein in Strömen fließt, so manche Schuldgefühle zu ertränken versucht. Weltfremd mag man dieses Verhalten nennen, sagt Nimz - und doch ist es eigentlich näher an der Realität als ein offenes Gespräch mit einer gesunden Diskussion.

Die Formensprache Vinterbergs, der zusammen mit Lars von Trier und zwei anderen Regisseuren die Gruppe Dogma 95 bildete und in einem Manifest eine Art Hyperrealismus im Film forderte, spielt für Nimz nur eine untergeordnete Rolle. "Natürlich ist die Gegenlogik essenziell, dass der Vater, obwohl er seinen Kindern Schreckliches angetan hat, so nett wirkt, während Christian als Opfer gefühlskalt und rachsüchtig erscheint. Eine Aufteilung in die Guten und die Bösen wollen wir auf der Bühne nicht zeigen. Aber viele der von Dogma 95 angestrebten Formalia verwenden wir im Theater ohnehin schon seit langem, da muss man sich jetzt nicht drauf stürzen."

Ihm geht es vielmehr um die Geschichte, um die Verletzungen, die sich die einzelnen Figuren zugefügt haben und zum Teil immer noch zufügen. Missbrauch kann viele Formen annehmen. "Ich finde es wichtig, dass man selber anfängt zu graben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der noch nicht in irgendeiner Weise mit derartigem Verhalten in Berührung gekommen ist." Daher ist es Nimz auch wichtig, dass die Schauspieler selbst die Biografien ihrer Figuren schaffen. "Im Film und auch im Drehbuch erfährt man relativ wenig über die Hintergründe der einzelnen Familienmitglieder. Also füllt das Ensemble diese Lücken mit den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen - und das Ergebnis überrascht mich immer wieder", gesteht er.

Zumal Nimz bei jeder Probe neue Facetten entdeckt. "Unsere Bühne mitsamt der Festtafel liegt zwischen zwei Zuschauerblöcken", erklärt der Regisseur. "Jeder Besucher hat somit einen anderen Blick auf die Szenerie und immer eine andere Figur im Fokus. Über sie wird ihm die Handlung erzählt, durch ihre Augen nimmt man manche Situationen ganz anders war als etwa fünf Plätze weiter." Alles also eine Frage des Blickwinkels. Übrigens: Die ungewöhnliche Bühnensituation ist auch der Grund, warum "Das Fest" immer in einem Aufführungsblock und nicht im Wechsel mit anderen Inszenierungen gespielt wird. "Die Umbauten wären sonst zu aufwendig."

Ein mehrfacher Besuch könnte sich aber lohnen, um das Geschehen einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn das Stück denn hält, was es verspricht. Man wird es sehen: Am Samstagabend feiert "Das Fest" in den Kammerspielen Premiere.

Termine: 13., 19., 20., 21., 24., 26., 27. Juni, jeweils 19.30 Uhr in den Kammerspielen. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.