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Palladium in Köln: Alt-J: Musik und großes Kino

Palladium in Köln : Alt-J: Musik und großes Kino

Wie ferne Silhouetten erscheinen die vier in tiefroten Nebel gehüllten Gestalten. Minimalistische Keyboards schwellen zu sakraler Würde. Es geht um große Gefühle - den Hunger des Verzehrens ("Hunger Of The Pine").

Ein Hauch von R&B mischt sich mit wärmender Wehmut. Der schleppende, klare, zu pathetischen Momenten aufsteigende Sound mischt sich perfekt mit einer überwältigenden Light-Show.

Der erste Blick auf die dicht geschlossenen Reihen der Zuhörer scheint zu bestätigen, dass Alt-J die angesagte Konsensband des guten Geschmacks ist. Junge, unauffällige Leute, Hipster in den Dreißigern und Paare im deutlich vorgerückten Alter lauschen der komplexen Mischung aus eingängigem und vertracktem Pop, Folk, Elektronik, süffig-dramatischem, aber auch an manchen Stellen enervierendem Chorgesang. Dass die Kunststudenten aus Leeds, seit dem Weggang von Gwil Sainsbury auf ein Terzett geschrumpft, heute große Hallen füllen, überrascht vielleicht sie selbst am meisten.

Noch vor zwei Jahren, als sie den Mercury-Preis für das beste britische Album ("An Awesome Wave") erhielten, mochte sich der englische "Guardian" immer noch nicht mit ihnen anfreunden, sprach von einer Band, "die niemand wirklich liebt". Diese Einschätzung scheint in ihr Gegenteil verkehrt. Alt-J sind heute Kritiker-Lieblinge.

Selbst ein Blockflöten-Zwischenspiel auf dem neuen Album "This Is All Yours" wird gefeiert. Zu Recht. Die drei jungen Leute aus Leeds spielen mit unangestrengter Leichtigkeit einen spannenden Genre-Mix. Selbst der Umstand, dass ihre Texte verrätselte, interpretationsoffene Bilder und Anspielungen bieten, macht ihre zwei Alben nicht zu einer "Musik für Schlaumeier".

Auch wer nicht den Sinn von "Mathilda" in allen Tiefen erforschen mag (das Stück bezieht sich auf das Mädchen Mathilda aus Luc Bressons Film "Der Profi"), kann andächtig "This Is For Mathilda" mitsingen. Alt-J können auch das: Hymnen liefern, die einen Saal zum Mitsingen bringen.

Auf der Bühne passiert nicht viel. Sänger Joe Newman versenkt sich in seinen Gesang und Gitarrenspiel, Keyboarder Gus Unger-Hamilton ist mit Sound, Gesang und einzelnen Ansagen der meistbeschäftigte Musiker. Thom Green bearbeitet seine Drums mit metallischer Härte.

Dafür ist die Musik, selbst wenn sie wie ein ruhiger Strom zu fließen scheint, subkutan ständig in Bewegung. Alt-J entlocken dem Palladium Weite und Raum, sind live weit wuchtiger als in der Studioproduktion. Musik und großes Kino - ein Gesamtkunstwerk, das für die Zukunft hoffen lässt.