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Kunstprojekt: Anselm Kiefer soll im leeren Bonner Münster ausstellen

Kunstprojekt : Anselm Kiefer soll im leeren Bonner Münster ausstellen

Der Starkünstler Anselm Kiefer soll Mitte 2021 eine große Ausstellung im Bonner Münster bekommen und ein Werk für den Kreuzgang schaffen. Stadtdechant Wolfgang Picken stellte erste Pläne vor.

Anselm Kiefer ist der große Mythenmeister der deutschen Kunst. Er hat sich mit breiter Geste und wandfüllenden, dicht gemalten Farb- und Materialcollagen an den Fantasien und Irrwegen der Deutschen abgearbeitet wie kein anderer, hat als Historienmaler neuer Prägung die Katastrophen der Geschichte eindringlich auf die Leinwand gebracht, ist ganz tief in fremde Kulturen und in die Welt der Religionen eingetaucht. Die Sprache des Künstlers, der am 8. März 75 Jahre alt wird, ist monumental, der Zugriff gleichermaßen wuchtig wie sensibel, dröhnend wie differenziert. Kiefer ist nicht unumstritten, wird jedoch auch von vielen Kunstfreunden verehrt. Kalt lässt er den Betrachter nicht.

Das Arp Museum eröffnete mit Kiefers Collagen „Wege der Weisheit“ 2007 den Neubau von Richard Meier, in Bonn konnte man Kiefer 2012 in der Bundeskunsthalle erleben, deren größten Raum der Maler und Bildhauer spielend füllte. Die Bonner Stiftung für Kunst und Kultur bespielte damals die Bundeskunsthalle mit Werken aus der Privatsammlung von Hans Grothe  – vormals Bonn, jetzt Duisburg. Es gab Kritik, aber auch viel Lob für die Schau. Kiefer polarisiert.

Walter Smerling, Chef der Stiftung, kuratierte damals die Schau. Im vergangenen Jahr diskutierte er mit Wolfgang Picken, der gerade zum Bonner Stadtdechanten ernannt worden war, über Kunst im öffentlichen Raum und die Schwierigkeiten, sie zu realisieren – und über Kiefers Kunst. „Ich konnte mir vorstellen, im Kreuzgang des Bonner Münsters Kunst zu zeigen, da sind schnelle Lösungen möglich“, sagte Picken jetzt im Gespräch mit dieser Zeitung.

Faszinierende Vorstellung

Ein romanischer Kreuzgang mit moderner Kunst, diese Idee gefiel ihm. Und man sprach insbesondere über Kiefer. Picken flog mit Smerling zu ihm nach Paris, diskutierte die Pläne. „Ein schwieriges Projekt“, wie der Stadtdechant feststellt. Gleichwohl eine faszinierende Vorstellung. Die Idee eines Werkes im Kreuzgang wurde bald um eine mögliche Ausstellung im Bonner Münster erweitert. Dort, im renovierten, aber noch leeren und unbestuhlten Raum könnte man bis zur liturgischen Wiedereröffnung des Gotteshauses am ersten Advent 2021 eine Werkschau des in Frankreich lebenden Künstlers zeigen. Der Dialog von Kunst und Kirche ist Picken dabei genauso wichtig wie die Chance, das Münster nach viereinhalb Jahren der Schließung und Restaurierung wieder in die Erinnerung aller Bonner zu rücken.

„Kiefer war zunächst zurückhaltend“, räumt Picken ein. Doch er besuchte zweimal das Bonner Münster, worauf Picken zu ihm und seinem ehemaligen Atelier auf einem 35 Hektar großen Industriegelände einer ehemaligen Seidenfabrik im südfranzösischen Barjac reiste. Der Künstler habe sich zunehmend für das Projekt begeistert, erzählt Picken. Ein paar Unwägbarkeiten gebe es noch. Zum Beispiel sei die Finanzierung noch unklar. „Wann wird der Innenraum fertig sein?“, fragt er sich und hofft, zwischen August und November 2021 Kiefer im Münster zeigen zu können. Auch die Frage nach einem Kurator der Schau sei noch offen.

Pläne für die Ausstellung

Was Picken nicht daran hindert, von Kiefer im Münster zu träumen. Im Chor sieht er vor seinem inneren Auge schon eine Installation aus der Serie „Palmsonntag“. Smerling hat ein elf Meter hohes, noch nie gezeigtes Werk im Blick: „Sol invictus“, eine riesige Sonnenblume in einem oben abgerundeten Feld, das an ein Kirchenfenster erinnert. „Es wird überwältigend“, sagt er, „Kiefer vermittelt etwas, was nicht von dieser Welt ist und doch in dieser Welt geschieht.“

Picken hat mit Kiefer auch schon über das Werk für den Kreuzgang gesprochen. Er würde sich freuen, wenn Kiefer etwas exklusiv für das Münster machen würde – und hat auch eine Idee: Der Maler habe schon etliche Werke über Märtyrerinnen geschaffen, warum nicht über Märtyrer? Picken brachte die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius, zwei römische Soldaten der legendären Thebäischen Legion, die im 3. Jahrhundert in Bonn ihr Leben im Zuge der Christenverfolgung verloren haben sollen, aufs Tapet. Zwei Afrikaner in Bonn. Picken hat Kiefer schon Material über die beiden zukommen lassen.

Eine solche Arbeit würde, wie überhaupt Kiefers Fragen zu Vergänglichkeit und Religion, zur jüdischen und christlichen Tradition sehr gut zu Bonn und dem Münster als Ort der Verschmelzung der Kulturen passen, schwärmt der Gottesmann: „Das ist ein gemeinsamer Nenner für kulturelles Miteinander – mehr Multikulti als an diesem Ort kann es nicht geben.“

Ob er denn mit Kritik rechne, die bei Kunst im öffentlichen Raum stets aufbrandet? Picken: „Dass Kunst und Kirche Reaktionen auslösen, ist nicht nur klar, sondern gewollt“, sagt er. „Das soll keine Gefälligkeitsveranstaltung sein, das soll Impulse setzen.“