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Ausstellung im Deutschen Museum: 45 Jahre Computerspielkultur in Deutschland

Deutsches Museum Bonn : 45 Jahre deutscher Computerspielkultur zum Anfassen

Von „Anno“ bis „Indiana Jones“: Das Deutsche Museum Bonn blickt mit einer Mitmachausstellung auf 45 Jahre Computerspielkultur in Deutschland. Die Jubiläumssammlung war schon in Berlin zu sehen.

Da liegt die ganze Familie auf der Lauer. Das Blickfeld schwenkt nach rechts. Da, plötzlich, zwei melancholisch schielende Augen, ein Schnabel. Abdrücken, Peng, verfehlt, noch vier Schuss frei. Politisch war das Moorhuhn-Computerspiel nie. Aber unglaublich beliebt. 1999 kam es auf den Markt und ging durch die Decke. Eigentlich war es als Werbung für die  Whiskey-Marke  Johnny Walker gedacht. Doch bald wurden Heim- und Bürorechner zum Revier für Moorhuhn-Jäger.

In kleiner Stückzahl hatte die deutsche Firma Phenomedia das Werbe-Spiel bereits Ende 1998 unter die Leute gebracht. Bald darauf konnte man das Spiel kostenlos im Internet herunterladen. Die halbe Republik ballerte auf das treudoofe Federvieh, die Trefferrekorde purzelten. Natürlich protestierte der Tierschutzbund, und die „Bildzeitung“ unkte von der „Volkskrankheit Moorhuhn“. Naja. Ein bisschen pervers ist es schon, dieses Ballerspiel. Und doch kann man sich dem Reiz nicht entziehen, das Huhn ins Fadenkreuz zu nehmen. Sehr schön geht das in der aktuellen Ausstellung des Deutschen Museums Bonn, das sich die Jubiläumsausstellung des Computerspielemuseums Berlin ausgeliehen hat: „Gameskultur in Deutschland. 20 Meilensteine.“

Spiele made in Germany

Die Moorhuhn-Jagd ist dabei Meilenstein Nummer zwölf. In chronologischer Abfolge flanieren Ausstellung und Katalog durch 45 Jahre Computerspielekultur, ein Parcours der Überraschungen. Denn, dass  das Rollenspiel „Gothic“ oder Strategiespiele wie „Die Siedler“ und „Anno 1602“ made in Germany sind,  dürfte zum Beispiel nicht allgemein bekannt sein. Für Andrea Niehaus, die Direktorin des Museums, ist die Ausstellung ein Versuchsballon auf dem Weg der Neuausrichtung ihres Hauses, das sich künftig zunehmend mit dem Phänomen Digitalisierung beschäftigen will. „Das Deutsche Museum erfindet sich neu“, sagt Niehaus. Ausstellungen wie diese machten Digitalisierung erlebbar, meint sie, der Spaß am Spielen helfe, Inhalte und Zusammenhänge besser zu erklären.

Der Spaß kommt nicht zu kurz, bietet die Ausstellung doch nicht nur viel Wissenswertes aus der Welt von Digitalisierung und Computerspiel, sondern auch acht historische Games, die man wirklich spielen kann, vom Baller- und Geschicklichkeitsspiel „Turrican“ über den „Bundesliga Manager“ bis zu „Indiana Jones – Greatest Adventures“ von Factor 5.

Im Fahrsimulator „Nürburgring“

Einer der Höhepunkte dieses Parcours ist sicherlich der „Nürburgring/Power-Slide“ von 1982, ein Fahrsimulator mit schwenkbarer Fahrerkabine. Jede Kurve wird zum physischen Erlebnis. Dem beliebten Automaten, ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst, in dem Promis wie Reinhard Mey, Bud Spencer, Thomas Gottschalk und sogar Ex-Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart ihre Fahrkünste getestet haben, war nur eine kurze Existenz vergönnt: Das Aus der Nürburgring-Serie kam mit dem Gesetz, das 1984 jegliche Aufstellung von Videospielautomaten in der Öffentlichkeit verbot.

„Moorhuhn“ - ein Klassiker. Foto: Deutsche Museum Lichtenscheidt/Eric Lichtenscheidt www.lichtens

Die Ausstellung streift die technische Entwicklung von Speichermedien und Konsolen und unternimmt auch einen hochinteressanten Ausflug in „den verspielten Osten“: Ab Mitte der 1980er Jahre tüftelten Hobbyingenieure auf DDR-Rechnern wie dem KC 85/2-4 an Hunderten Computerspielen herum. In der Ausstellung kann man sich an den verschiedenen Programmen des von der DDR-Staatssicherheit konzipierten  und vom VEB Polytechnik Karl-Marx-Stadt entwickelten Spieleautomaten „Poly-Play“ (1986)  versuchen.

Produktionsstandort schwächelt

Natürlich soll die Ausstellung kein Spielplatz für Computerspiel-Nerds sein, sondern bilden. So erfährt der Besucher von der Fantasie meist junger Spieleentwickler in Deutschland, der ungeheuren Innovationskraft, die Games für die  digitalisierte Welt bedeuten. Man erfährt aber auch, dass die Branche trotz international erfolgreicher Produkte wie „Anno“ oder „Die Siedler“ und „Forge of Empires“ und der Ausrichtung des weltweit bedeutendsten Game-Events, der Gamescom, in Deutschland extrem schwächelt: Während Deutschland mit einem Umsatz von knapp drei Milliarden Euro einer der größten Absatzmärkte in Europa sei, drohe der Produktionsstandort Deutschland den Anschluss zu verlieren, klagt Felix Falk, Jazz-Saxofonist und Geschäftsführer von Game, Verband der deutschen Computerspiele-Branche. Von hundert Euro, die 2017 für Games und Spielekonsolen in Deutschland ausgegeben wurden, entfielen nur 6,50 Euro auf deutsche Entwicklungen. Was die Förderung angeht, liege das Land hinter Ländern wie Kanada, Großbritannien, Frankreich und Schweden weit zurück.