Verdi-Oper in Köln Begeisterter Applaus nach konzertantem "Attila"

Köln · Giuseppe Verdi hätte schon über 150 Jahre alt werden müssen, um die deutsche Erstaufführung seiner 1846 uraufgeführten Oper "Attila" erleben zu können, die 1964 als Nachtrag zum runden Geburtstag des italienischen Meisters in Bremerhaven stattfand. In Köln hatte man nun das nächste runde Jubiläumsjahr abgewartet, bis dieses noch immer nahezu unbekannte Werk auf die Bühne gebracht wurde.

 Siegerpose: Samuel Youn als Attila. Im Hintergrund dirigiert Claude Schnitzler das Gürzenich-Orchester.

Siegerpose: Samuel Youn als Attila. Im Hintergrund dirigiert Claude Schnitzler das Gürzenich-Orchester.

Foto: Paul Leclaire

Allerdings musste man sich hier mit einer konzertanten Aufführung im Palladium zufriedengeben. Das Publikum indes störte sich nicht an der fehlenden Szene, wie es mit seinem begeisterten und ziemlich lang anhaltenden Beifall eindrucksvoll unterstrich.

Das Misstrauen der Bühnen gegenüber diesem Werk lässt sich sicherlich auf das Libretto Temistocle Soleras und Francesco Maria Piaves zurückführen, das auf einem Drama des Deutschen Zacharias Werner basiert. Die Geschichte des Hunnenkönigs wurde in der Zeit des Risorgimento von Verdis extrem politisierten Zeitgenossen als Botschaft verstanden. Wenn der römische Feldherr dem Hunnenkönig trotzig entgegnet: "Du magst das Universum haben, doch überlass' Italien mir", kochte die Stimmung hoch.

Das funktioniert auf heutigen Bühnen nicht mehr. Was bleibt, ist eine recht schlicht gestrickte Rachegeschichte um die junge Odabella, deren Vater zu den Opfern von Attilas Raubzug zählt. Nun soll auch der Hunnenkönig sterben, und zwar von ihrer Hand. Deshalb vereitelt sie sogar einen Mordanschlag auf Attila, der sie daraufhin gleich heiraten will. In der Hochzeitsnacht sieht die amazonenhafte Odabella ihre Gelegenheit gekommen und streckt den Feind mit seinem eigenen Schwert nieder.

In den zweieinhalb Stunden bis zu diesem blutigen Finale bietet Verdi eine Menge wunderbarer Arien, Solisten-Ensembles und Chorgesänge auf. Man findet hier Momente, die bereits auf die "Traviata" vorauszuweisen scheinen oder gar auf die dramatische Wucht des "Otello". Für die Solisten jedenfalls schien "Attila" mehr als nur zweite Wahl unter Verdis Opern zu sein.

In der mitreißenden Interpretation der Sopranistin Evelina Dobraceva wurde bereits die Auftrittsarie der Odabella zu einem Ereignis. Sie meisterte diesen vokalen Parforce-Ritt mit Herz und Virtuosität. Um hier auf Augenhöhe zu sein, muss man schon mit solch einer machtvoll klingenden Bassbaritonstimme ausgestattet sein, wie Samuel Youn sie besitzt. Dass er diese Stimme musikalisch auch sehr fein und differenziert einzusetzen versteht, ist da umso besser.

Nicht ganz so präsent wirkte hingegen der Tenor Fernando Portari als Odabellas eifersüchtig leidender Geliebter Foresto. Miljenko Turk begeisterte hingegen in der Rolle des Feldherrn Ezio mit einem Baritonklang, dessen Schönheit immer wieder überwältigt. In den kleineren Rollen gefielen Jeongki Cho (Uldino) und Young Doo Park (Leone). Auf höchstem Niveau fügte sich auch der von Andrew Ollivant hervorragend einstudierte Chor ein.

Dass die Musiker des Kölner Gürzenich-Orchesters Verdis Klangsprache so authentisch und dramatisch wirkungsvoll herüberbrachten, war nicht zu einem geringen Teil dem fabelhaften Dirigenten Claude Schnitzler zu verdanken. Ein schöneres Plädoyer für den "Attila" lässt sich kaum denken.

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