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Benin-Bronzen: Wie unterschiedlich Köln und Bonn damit umgehen

„Nicht alles ist Raubkunst“ : Wie unterschiedlich Bonn und Köln mit Benin-Bronzen umgehen

In den Sammlungen von Museen in Köln und Bonn stehen Benin-Bronzen. Es zeigt sich: Zwei Städte, zwei unterschiedliche Herangehensweisen, mit den Werken und dem Thema Raubkunst umzugehen.

Wer beobachtet hier wen? Diese Frage drängt sich dem Besucher der aktuellen Ausstellung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum unablässig auf. 96 strahlende Benin-Bronzen umringen ihn im dunklen Raum. Stolz thront dort jedes Objekt in seinem eigenen kleinen Glaskasten. Sowohl der berühmte „Gedenkkopf einer Königinmutter“ als auch kleine Armreifen, geschnitzte Leoparden aus Elfenbein und lange Schwerter wirken derartig präsentiert geradezu majestätisch. „I Miss You“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Kölner Museum. Zum ersten Mal werden dort alle Benin-Bronzen des Museums ausgestellt. Vermutlich auch zum letzten Mal. Denn bald sollen sie zurückgegeben werden an ihr Herkunftsland Nigeria.

Auch in Bonn trifft man auf zwei Benin-Bronzen – wenn man danach sucht: In einer kleinen Vitrine der Bonner Amerikas-Sammlung (BASA) umgeben von Kartons, Federschmuck und bemalten Tongefäßen entdeckt man bei genauem Hinsehen zwei kleine messingfarbene Gockel. Sie sind Teil der wenigen afrikanischen Objekte, die die Sammlung besitzt, und ausgerechnet sie machen Probleme. Denn wie der General-Anzeiger 2020 berichtete, ist hier nicht eindeutig zu sagen, ob die beiden Vögel Raubkunst sind oder nicht.

Zu bestimmen, ob es sich bei kolonialen Objekten um geraubte Kunst handele, sei gar nicht so einfach, sagt Daniel Grana-Behrens, wissenschaftlicher Mitarbeiter des BASA-Museums: „Das Thema Provenienzforschung ist breit. Die Benin-Bronzen, die heute in Deutschland sind, sind eindeutig geraubt und unrechtmäßig auf den Markt gekommen. Der Kauf selbst der Bronzen muss dann aber nach den gelten Rechtsvorschriften nicht unbedingt unrechtmäßig gewesen sein. Es ist komplizierter, als es in der Presse zuweilen dargestellt wird.“

Die Hähne in der BASA seien zudem höchstwahrscheinlich erst nach der großen Plünderung über den Kunstmarkt hergekommen und somit nicht mit Schuld belastet. Ganz genau lasse sich das aber nicht nachweisen. „Natürlich wollen wir rausfinden, wann und wie die Objekte zu uns gekommen sind. Aber manchmal steht in den Unterlagen nur ,erworben‘. Da können wir nichts erfinden und einfach sagen, das wurde rechtmäßig und das wurde unrechtmäßig erworben“, sagt Grana-Behrens.

Diese Frage stellt sich der Sammlung des Rautenstrauch-Joest-Museums nicht. Da ist ziemlich klar, dass alle Objekte nicht rechtmäßig jahrelang im Kölner Museumsdepot lagen. Im Februar dieses Jahres hatte Museumsdirektorin Nanette Snoep angekündigt, sämtliche Benin-Bronzen an Nigeria zu restituieren. Das hatte zuvor die Stadt Köln beschlossen, die die Trägerschaft des Museums innehat. Nun wird auf eine Absichtserklärung zwischen der Stadt und Nigeria gewartet. Im Sommer soll vermutlich feststehen, was passieren wird.

„I Miss You“ ist eine Plattform über das Vermissen, Erinnern und Zurückgeben“, sagt Vera Marušić, Teil des kuratorischen Teams der aktuellen Ausstellung. „Uns geht’s darum zu zeigen, was hinter den sehr emotionalen Debatten um die Rückgabe von Raubkunst steckt. Wir wollen hier in die Tiefe gehen und die Bedeutung der Werke in ihren Herkunftsländern verstehen, neue Perspektiven und mit den Werken verbundene Menschen kennenlernen.“

In Bonn hadert man derweil noch mit den öffentlich teils vehement geforderten Restitutionsforderungen: „Manchmal klingt es in der Presse so, als ob die Museen zu lange geschlafen hätten und jetzt endlich mal alles zurückgeben müssten. Aber es wurde längst nicht alles unrechtmäßig hergebracht. Nicht jedes archäologische Objekt ist grundsätzlich Raubkunst“, erklärt Grana-Behrens. Die Provenienz eines Objektes zu klären sei der erste Schritt. Wenn dort eindeutig ein Unrechtskontext festgestellt würde, müsse im Einzelfall geklärt werden, wie man weiter vorgehe. Um solche Fälle zu vermeiden, sei das BASA-Museum abwägend: „Wir nehmen nur noch Objekte an, bei denen man nachweisen kann, dass sie rechtmäßig hergekommen sind. Wenn wir nicht genügend Informationen haben, die das bestätigen, müssen wir sie ablehnen“, sagt Grana-Behrens.

Museen, die ihre Ausstellungsstücke abtreten und im Zweifelsfall lieber die Finger von neuen Objekten lassen. Haben ethnologische Museen heutzutage noch eine Berechtigung? So richtig beantworten kann Marušić diese Frage nicht. Doch sie ist sich sicher: „Die Rückgabe der Bronzen ist der Anfang von etwas Neuem. Es wird nicht mehr um das Ausstellen möglichst vieler Objekte im Museum gehen, sondern um den Prozess der Zusammenarbeit und um die Geschichten hinter den Werken.“

In Bonn bleibt man gelassen: „Wir müssen den Stein jetzt nicht neu erfinden. Unsere Aufgabe ist es erstmal, dezidiert die Provenienz unserer Objekte aufzuarbeiten“, sagt Grana-Behrens. Aber auch er betont: „Wir müssen den Kontakt mit den Herkunftsgesellschaften intensivieren und so transparent wie möglich sein.“ Die Benin-Gockel bleiben vorerst in ihrer Vitrine und machen Platz für die eigentlich Sammlung der BASA: Altamerikanische Werke. An die wurden noch keine Restitutionsforderungen erhoben – wer weiß, wie lange das so bleibt.