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"Big Buildings": Bundeskunsthalle zeigt Werke von Thomas Schütte

"Big Buildings": Bundeskunsthalle zeigt Werke von Thomas Schütte

Die fixe Idee des Bastlers, sich eine Welt zu bauen, der Traum, aus Luftschlössern Wirklichkeit werden zu lassen, Gedankengebäuden reales Leben einzuhauchen - all das erfüllt sich in einer angenehm luftigen, dabei hochkonzentrierten Ausstellung der Bundeskunsthalle.

Bonn. Die fixe Idee des Bastlers, sich eine Welt zu bauen, der Traum, aus Luftschlössern Wirklichkeit werden zu lassen, Gedankengebäuden reales Leben einzuhauchen - all das erfüllt sich in einer angenehm luftigen, dabei hochkonzentrierten Ausstellung der Bundeskunsthalle.

"Big Bulidings - Modelle und Ansichten" ist ein rund 30 Jahre überspannendes Panorama zu einem Werkkomplex des 54-jährigen Düsseldorfers Thomas Schütte. Architektur und Denkmal, Behausung und Schutzraum, Innenwelt und Außenwelt, Bunker und Pavillon, um diese Phänomene kreisen die Zeichnungen, Modelle, in Lebensgröße ausgeführten Bauten und ins Gigantische verfremdeten Riesenengel und Homunculi.

Kommentar Lesen Sie dazu auch den Kommentar " Großer Wurf"Schütte, dreimaliger documenta-Teilnehmer und Gewinner des Goldenen Löwen der Biennale in Venedig, gelingt es immer wieder, zu verblüffen. Mit einer schier unbegrenzten Fantasie und Schaffenswut, gepaart mit feiner Ironie, hält er den Betrachter auf Trab, der wie in Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" mal im Land der Zwerge, mal im Reich der Riesen unterwegs ist.

Erste Konfrontationen gibt es in der riesigen Ausstellungshalle: Drei monumentale stilisierte Metall-Engel, die großen Geschwister des traditionellen Nürnberger Christkindels, drehen bedrohlich und gar nicht sanft-engelsgleich über den Köpfen der Besucher ihre Runden; dann erhebt sich das "Model for a Hotel", eine gänzlich unpathetische Konstruktion aus buntem Glas, die 2007 auf dem Londoner Trafalgar Square stand, Teil des berühmten "Fourth Plinth Project"; dahinter das Skelett eines begehbaren "One Man House", von dessen Plattform aus man einen idealen Blick auf den befremdlichen, 3,8 Meter hohen "Vater Staat" aus Bronze hat; und dann betritt man einen 15 Meter langen, an Mondrian und Rietveld erinnernden, mit Kamin, Küche und Klo ausgestatteten Pavillon.

Der heißt "Ferienhaus für Terroristen", ein Titel, der allerlei Spekulationen provoziert. Als konspirativer Unterschlupf ist der mit durchsichtigen farbigen Stoffen bespannte Pavillon kaum geeignet. Schütte hat einmal formuliert: "Jemand, der ein Haus besitzt, rennt nicht los und wirft Bomben."

Vielleicht sollte man Terroristen solche schönen Häuser zur Verfügung stellen, damit sie von ihrem mörderischen Tun abrücken, hat jemand einmal dieses Werk gedeutet, das mit dem "Vater Staat" eine bizarre Verbindung eingeht. Dieser "Vater Staat" trägt eine Fes-artige Filzkappe und hat orientalische Züge.

Kunstpreis für Thomas Schütte Thomas Schütte ist derzeit in NRW sehr präsent: Seine "Möbel für One Man Houses" sind im Kunstmuseum Bonn bei "Der Westen leuchtet" zu sehen und das Arp Museum in Rolandseck zeigt sein Modell für den Londoner Trafalgar Square.

Das Düsseldorfer Ständehaus (K 21) präsentiert im Rahmen von "Intensif-Station" Keramiken, Modelle und Skulpturen. Zu Eröffnung der Quadriennale bekommt Schütte am 10. September den Kunstpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf.Politische Anspielungen gibt es auch woanders: Etwa bei den kollabierten "Big Buildings", die Schütte erstmals 1998 in New York als Anspielung auf die Twin Towers des World Trade Centers zeigte, Symbole einer gefährdeten Finanzwelt. Am 11. September 2001 fielen sie tatsächlich nach einem Terrorangriff in sich zusammen.

Kunst müsse doch eine Funktion haben, zitiert der Kurator Rainald Schumacher Schütte und dessen Modelle für eine bessere Welt. Eine geradezu frivole Forderung für einen Bildhauer, der in Zeiten einer verkopften Minimal-Art und Konzeptkunst seine Karriere startete. Schüttes oft begehbare, physische und psychische Aktivität einfordernde Objekte haben jenseits der Erlebnisqualität, die selbst dann spürbar ist, wenn man Miniaturwelten vor sich hat, durchaus eine Funktion.

Hier kristallisieren sich Ängste heraus, etwa in der an Albtraumzeichnungen von Piranesi erinnernden unter der Erdoberfläche angesiedelten Architektursituation des Modells "Basement". In anderen Arbeiten formuliert Schütte bieder blühende Reihenhausfantasien.

Und dann erlaubt sich der Kunstbetrieb-Skeptiker Schütte einen Kommentar zum Museum: Das ist ein pyramidenartiges, pathetisches Bauwerk mit Elementen, die wie aufgesetzte Schlote aussehen - der Kunsttempel als Kunstkrematorium? Gleich daneben hängt Schüttes Grabstein: Das Geburtsdatum stimmt, der Todestag im Jahr 1996 Gott sei dank nicht.

Schütte ist sehr lebendig. Und äußerst produktiv. Etliche Arbeiten wurden exklusiv für diese Ausstellung geschaffen, etwa "One Man House", die Engel und "Vater Staat". Schütte hat darüber hinaus bis zuletzt an der Präsentation gearbeitet, die durchaus auch den Charme des Experimentellen trägt.

Insbesondere die Anbindung der Architektur und Skulptur an Schüttes wunderbares, altmeisterliches Oeuvre der witzigen und poetischen Zeichnungen (von dem in Bonn ein winziger Ausschnitt zu sehen ist) eröffnet ganz neue Welten. Eine Schau für Genießer mit Humor - garantiert auf 21 Grad temperiert.

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 1. November. Di, Mi 10-21 Uhr, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Snoeck) 39 Euro.