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Bonn: Drei Künstler und Kulturschaffende über ihre Erfahrungen mit der Pandemie

„Wir müssen mit dem Virus leben“ : Bonner Künstler über ihre Erfahrungen mit der Pandemie

Drei Bonner Künstler und Kulturschaffende reden über ihre Erfahrungen mit der Pandemie, über Solidarität und Fördertöpfe sowie die Perspektiven für die Kultur in Zeiten von Corona.

Die Liste der Verluste ist lang: „Die Einbrüche sind immens, uns fehlen 100 Prozent der Einnahmen“, beklagt Moritz Seibert, dessen Junges Theater Bonn bis auf 20 Prozent des Etats, die von der Stadt und vom Land gefördert werden, jeden weiteren Cent einspielen muss. Die Covid-19-Pandemie und der Lockdown haben den Theaterbetrieb nahezu zum Erliegen gebracht. Und doch kommt Seibert mit einem blauen Auge durch die Krise, zumindest bisher: Denn Stadt und Land zahlen weiter, es gibt Spenden und Sponsoren, die bei ihrem Engagement bleiben. 40 Mitarbeiter inklusive Schauspieler in Kurzarbeit, Entlassungen sind kein Thema, die Härten halten sich in Grenzen. Doch wie soll der Neustart von Null auf Hundert gelingen? Das bereitet Seibert Kopfzerbrechen.

Musiker ohne Auftritte, Schauspieler ohne Zuschauer, Maler ohne Ausstellungen: Die Corona-Pandemie und der damit verbundene Lockdown treffen die Kunstszene und Kreativbranche besonders hart. Existenzen stehen auf dem Spiel, der Frust ist groß. Langsam laufen Förderprogramme an. Manchem in der Szene dauert das viel zu lange. Ateliermieten müssen gezahlt werden, die Kosten laufen, und es kommt nichts rein. Dabei ist Geld da. Es kommt nur nicht an. Kulturgipfel auf Landes- und Bundesebene haben immense Mittel für die Kreativen zugesagt. Mitunter wird aber noch an den Kriterien gebastelt. Das kostet Zeit.

Fördertöpfe für die Kultur

So gibt es das NRW-Stärkungspaket „Kunst und Kultur“ in Höhe von 185 Millionen Euro, wobei 80 Millionen an Kultureinrichtungen, der Rest in Form von Stipendien an freischaffende Künstler gehen soll. Zur Vergabe heißt es: Das sei Teil des Verfahrens, „der gerade noch erarbeitet wird“. Die Bundesregierung hat unter anderem ein Konjunkturpaket verabschiedet, eine Milliarde Euro in den Topf „Neustart Kultur“ gesteckt und weitere Förderinstrumente geschaffen. Auf der Suche nach Soforthilfen trifft man auf mehrere Dutzend Maßnahmen. Das Portal padlet.com listet auf 36 Seiten auf, was Kultur- und Kreativschaffende interessieren dürfte.

Für Künstler aus Bonn gibt es zudem einen städtischen Solidaritäts-Fonds für die freie Szene. Der beläuft sich auf 200.000 Euro. Eine Anfrage bei der Stadt beantwortet Ashok Sridharan persönlich, der OB hat das Thema Solidartopf Kultur offensichtlich zur Chefsache gemacht: Es gehe darum, pragmatisch und schnell zu helfen und Mittel für Künstler und Kulturinitiativen bereitzustellen, die es besonders arg getroffen habe. In diesen Tagen müssten 48 Antragsteller, etwa zur Hälfte Einzelkünstler und Initiativen oder Institutionen, ihre Bescheide bekommen. Die Antragsteller mussten Einnahmen und Ausgaben der Jahre 2019 und 2020 angeben, daraus errechne sich der Förderbetrag. 163.000 Euro seien ausgeschüttet worden, rechnet der OB vor. Der Betrag bestehe aus Mitteln, die die Stadt für kulturelle Veranstaltungen eingeplant hatte, aber wegen Corona nicht durchführen konnte.

Ferner hat das Bonner Kulturamt unter dem Motto „Die Kultur braucht Sie“ ein Verzeichnis mit Einzelpersonen und Institutionen aufgestellt, die sich über finanzielle Hilfe in der Corona-Not freuen würden. Die Liste buchstabiert sich von A wie Atelier Schaffensfelder bis Z wie Jennifer Zumbusch, Fotografin.

Mittel für den Wiedereinstieg

Was jetzt fehle, seien Mittel für den Wiedereinstieg, sagt Seibert: „Mometan bekommen wir Geld dafür, dass wir möglichst wenig tun – wenn das Monate so weitergeht, wird das extrem unsinnig.“ Seibert lässt jetzt bis Ende August im Kulturgarten spielen, möchte im Herbst wieder „mit voller Kapazität“ und unter Sicherheitsbedingungen loslegen, räumt aber ein: „Wir sind abhängig vom Infektionsgeschehen.“ Aber: „Wir halten es für sinnvoller, optimistisch in die Zukunft zu blicken und nicht in Worst-Case-Szenarien zu versinken.“ Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, ruft Seibert noch einmal an: Gerade sei der Zuwendungsbescheid aus dem Topf „Neustart“ von der „Bundes-Kultur-Milliarde“ gekommen: 15.000 Euro für bauliche Veränderungen rund um Corona. Es geht weiter.

Entspannter Jazzmusiker

Thomas Kimmerle klingt sehr entspannt, als wir ihn anrufen. Er ist Jazzmusiker (Saxofon) in verschiedenen Ensembles, leitet zusammen mit Thomas Heck das Jugend Jazz Orchester und die Big Band des Gymnasiums Nonnenwerth, organisiert Konzerte. Alles auf Null durch den Corona-Lockdown. „Das ist schmerzlich, aber nicht existenzbedrohend“, winkt Kimmerle ab und denkt nicht über Förderungen nach. Die sollen die beantragen, die sie wirklich nötig haben „und aufpassen, dass sie sie nicht irgendwann zurückzahlen müssen“. „Mir geht’s gut, ich beschwere mich nicht“, meint er. Warum? Schon seit Jahren finanziert er sich hauptsächlich über privaten Saxofonunterricht. „Das läuft online, läuft gut, ich habe keine Ausfälle“. „Wir müssen langfristig mit dem Virus leben“, sagt Kimmerle, „ich glaube nicht, dass die Situation nach den Sommerferien entspannter wird, es wird generell kein Zurück zu den Vor-Corona-Zeiten geben.“

Schauspielerin im Glück und Pech

„Ich habe mehr zu tun als vor Corona“, sagt die Bonner Schauspielerin und Autorin Anne Scherliess, die viel in der freien Szene unterwegs ist, für das Theater die Pathologie, die Brotfabrik und theater@home sowie für etliche Kindertheater-Projekte arbeitet. Natürlich sei viel ausgefallen, erzählt sie, „ich durfte nicht spielen, aber die Projekte laufen weiter“. Zurzeit probt sie eine Bühnenfassung nach Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ für die Pathologie, schreibt „Clockwork Orange“ für jugendliche Schauspieler um.

„Das Spielen auf eigenes Risiko bin ich gewöhnt“, erzählt sie und berichtet von ihrem Glück, dass sie erstmals und ausgerechnet in diesem Jahr einen festen Vertrag für die Rosenberg-Festspiele in Kronach hatte. Und trotz Corona-Pause einen Teil der Gage bekommt. Im kommenden Jahr spielt Scherliess in Kronach das Sams.

Die Schauspielerin hat versucht, Soforthilfe vom Land NRW zu beantragen. Für die aber musste sie Betriebskosten nachweisen, die sie als freie Schauspielerin nicht hat. Ein weiterer Fonds, der für Gagenausfälle einspringt, brachte immerhin 2000 Euro – „es hat super lange gedauert“. Die 9000 Euro für Selbstständige will sie nicht beantragen: „Ich hätte immer Angst, sie zurückzahlen zu müssen. Von was?“

Solidarischer Kabarettist

Hilfe kam von viele Seiten, erzählt Scherliess: „Ich bin von treuen Theaterfreunden, wie dem Frauentheater Bonn und Leuten, die mein theater@home gebucht hatten und dann von der Vorstellung bei ihnen zu Hause absehen mussten, finanziell per Spende unterstützt worden.“ Die besten Erfahrungen hat Scherliess mit einem Kollegen gemacht: Bereits eine knappe Woche nach dem Beginn des Lockdowns hatte der Kabarettist Serdar Somuncu einen Corona-Kulturfonds zur Unterstützung von freischaffenden Kleinkünstlern ins Leben gerufen. Scherliess bewarb sich und bekam umgehend 200 Euro. Somuncu: „Der Corona-Kulturfonds soll dabei helfen, diejenigen zu unterstützen, die uns sonst tagtäglich unterhalten, bilden und bei Laune halten. Jeder Betrag, der gespendet wird, hilft.“

Das Junge Theater Bonn spielt bis Ende August Open Air und zeigt jedes Wochenende Vorstellungen im Kulturgarten in der Bonner Rheinaue. Info: www.jt-bonn.de. Anne Scherliess hat mit Kafkas „Bericht an eine Akademie“ am 6. November im Theater die Pathologie Premiere. Thomas Kimmerle hat zusammen mit den Stadtwerken Bonn  das diesjährige Jazz-Tube-Festival abgesagt, hofft  und plant bereits für das kommende Jahr.