1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Regional

Bonner Bundeskunsthalle zeigt moderne Kunst Südamerikas

Bonner Bundeskunsthalle zeigt moderne Kunst Südamerikas

Die exzellent inszenierte Ausstellung "Vibración" präsentiert erstmals in Europa einen glänzenden Überblick über die Moderne in Südamerika.

Bonn. Berlin und Wuppertal waren ihre ersten Aktionsfelder, der Bauhaus-Lehrer Walter Peterhans und Ellen Auerbach ihre Anreger, einer steilen Karriere als Fotografin stand nichts im Weg.

Doch dann kamen die Nazis: Grete Stern emigrierte nach London, heiratete den argentinischen Fotografen Horacio Coppola, ebenfalls Bauhausschüler bei Petermann. Das Paar wanderte mit Töchterchen Silvia nach Buenos Aires aus, Grete Sterns zweite Karriere begann - als Städteplanerin und Chronistin einer unglaublich dynamischen Metropole und Universitätsdozentin für Fotografie.

Das ist nur eine Biografie unter mehreren, ein Baustein zu der Ausstellung "Vibración", in der die Bundeskunsthalle erstmals in Europa einen breiten Überblick der modernen Kunst Südamerikas präsentiert. Grete Stern, die Schweizer Zeichnerin Mira Schendel und die GEGO genannte Gertrud Goldschmidt, Architektin und Bildhauerin aus Hamburg, sind drei jüdische Künstlerinnen, die nach Südamerika emigrieren mussten und dort einerseits einen entscheidenden Beitrag leisteten, andererseits selbst wichtige Impulse bekamen. Die mit 200 Werken üppig bestückte und exzellent inszenierte Ausstellung dokumentiert beides: das, was Europa beitrug, und das, was sich in Argentinien, Uruguay, Venezuela oder Brasilien entwickelte.

Gleich im Eingang hängt mit "Número Uno" (1936) von Héctor Ragni ein frühes Beispiel der geometrischen Abstraktion, wie sie die "Schule des Südens" in Uruguay pflegte: Eine europäisch geprägte Abstraktion trifft auf eine nicht gerade sklavisch der reinen Lehre gehorchende Farbskala und Chiffren, die der alten südamerikanischen Kultur entstammen könnten.

Linie und Fläche als konstruktive Elemente, die Farbe als eher zögerlich eingeführtes Bindeglied: So sieht das Vokabular vieler Künstler der südamerikanischen Moderne aus, ein Vokabular, das in der filigranen Zeichnung ebenso funktioniert wie im Wandbild, sich in der dritten Dimension ebenso artikuliert wie in der variablen oder kinetischen Kunst. Die zum Großteil aus der Sammlung der Stiftung Ella Fontanals-Cisneros in Miami stammenden Werke dokumentieren den mal strengen, mal spielerischen Umgang mit diesem universalen Vokabular ganz ausgezeichnet.

Auf einem sehr hohem Niveau werden hier die Möglichkeiten der internationalen geometrischen Abstraktion durchdekliniert. Wenig mehr als ein Dutzend der 85 Künstler sind hierzulande ein Begriff: Der Prominenteste dürfte der Argentinier Lucio Fontana sein, eine der Hauptfiguren der italienischen Avantgarde. Jesús Rafael Soto zählt mit seinen flimmernden Drahtgespinsten vor gestreiftem Fond zu den Hauptvertretern der internationalen Op-Art und kinetischen Kunst.

Auch der Brasilianer Hélio Oiticica gehört zu den weltweit renommierten Südamerikanern. Eine sehr typische Arbeit von ihm hängt in der Bonner Ausstellung: "Metaschema Nr. 225" von 1957 besteht aus einer Gitterstruktur, die durch minimale Verschiebungen instabil und grafisch mehrdeutig erscheint. Da wird die hehre Geometrie in Frage gestellt. "Vibración" zeigt neben diesem Metaschema ein Foto des Exil-Ungarn Thomaz Farkas, das das Schattenspiel auf einem Fenster erkennen lässt und damit eine ganz ähnlich labile Gitterstruktur. Vergleiche wie diese führen direkt zur Arbeitsweise vieler Künstler der südamerikanischen Moderne.

Sie sehen die Welt mit den Augen, der Optik des Fotografen, begleiten die unglaublich dynamische Entwicklung in den Metropolen: Die Planstadt Brasília, der Universitätscampus in Caracas - Vergleichbares gab es im Nachkriegseuropa nicht. Man berauscht sich an der architektonischen Form, sucht die Städte nach Strukturen ab - Mosaike, Dachformen, Schattenspiele, das Ornament von elektrischen Oberleitungen.

Die neue Welt wird mit dem Blick der Bauhausschule vermessen, was der Künstler im Stadtbild entdeckt, wird im Atelier weiterentwickelt, zur Collage, zum Buchobjekt, zur kinetischen Skulptur. Die Schau spiegelt durch ihre kluge Inszenierung diesen offenen Prozess.

Das Gebaute reizt ebenso wie das Ephemere, Vergängliche zum künstlerischen Kommentar: GEGO materialisiert gewissermaßen mit feinem Strich oder Draht flüchtige Wolken, Julio Le Parc verwandelt eine Wand mittels beweglich aufgehängter Spiegel in ein flimmerndes, durchlässiges Gewebe. 1963 eröffnete sein riesiges wandfüllendes Mobile die Biennale von Paris, jetzt demonstriert es in Bonn, was unter dem Titel "Vibración" zu verstehen ist.

"Vibración" ist eine mutige, exzellent gemachte Schau über ein nicht sehr eingängiges Thema, begleitet von einem Rahmenprogramm, von dem man keine Veranstaltung verpassen will. Hätte man sich, wie sonst üblich, auch zu einem umfangreichen, wissenschaftlich fundierten Katalog durchringen können - das Glück wäre perfekt.

Bundeskunsthalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 19. Januar. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19, Begleitbuch 7,90 Euro