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Bonner Kongress: War Beethoven taub oder doch nur schwerhörig?

Bonner Kongress „Beethoven-Perspektiven“ : War Beethoven taub oder doch nur schwerhörig?

Beim Kongress zum Jubiläumsjahr 2020 im Bonner Beethoven-Haus erörtern internationale Wissenschaftler spannende Fragen unter anderem nach Beethovens politischer Einstellung und Hörvermögen.

So kennen und lieben wir Beethoven, selbstbewusst, kämpferisch, im Herzen ein Revolutionär, der gültige gesellschaftliche Normen und Schranken ignorierend dem Adel gegenüber kein Blatt vor den Mund nimmt: „Fürst, was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich; Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt‘s nur einen“, kanzelte der 35-jährige Musiker seinen langjährigen Förderer Fürst Karl Lichnowsky ab. Dass ein Tagebucheintrag aus späteren Jahren nicht ganz so berühmt geworden ist wie der obige Satz, mag daran liegen, dass der Komponist dort die Fahne der Revolution nicht hisst, sondern im Gegenteil die Empfehlung niederschreibt, sie auch mal nach dem Wind zu richten: „Gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen denn man kann nicht wissen wo man sie braucht“.

Revolutionär oder auf Sicherheit bedachter Pragmatiker? Die Bonner Musikwissenschaftlerin Christine Siegert, die das Forschungszentrum Beethoven-Archiv des Beethoven-Hauses leitet, mag sich schon aus professionellen Gründen nicht auf zu einfache Wahrheiten einlassen. Sie plädiert für ein differenziertes Bild. „Wir müssen Ambivalenzen aushalten“, sagt sie am Rande des Beethoven-Kongresses, den  das Beethoven-Haus unter ihrer Leitung in dieser Woche veranstaltet. Zu den „Beethoven-Perspektiven“, so der Titel des Bonner Kongresses, treffen sich im Jubiläumsjahr 2020 internationale Koryphäen, aber auch junge Musikwissenschaftler, denen es allen nicht darum geht, Klischees in Zement zu gießen, sondern sie zu hinterfragen.

„Das Ziel ist ein möglichst objektves Bild“

Zu Beginn der Woche stand im Kammermusiksaal unter anderem die Frage nach dem politischen Beethoven auf der Tagesordnung. „Dass wir jetzt diesen Schwerpunkt gelegt haben, ist vor allem eine Reaktion auf die Erzählung des revolutionären Beethoven.“ Es gehe immer darum, die Quellen zu interpretieren. „Wenn wir feststellen, dass vielleicht ein Aspekt in der Vergangenheit immer etwas überbetont worden ist, dann betonen wir danach die andere Seite etwas mehr. Immer mit dem Ziel, ein möglichst objektives Bild zu gewinnen.“

Im Kammermusiksaal nahm der Wiener Musikwissenschaftler Otto Biba den Ball auf und kratzte mit einem Referat heftig am Klischee vom Revolutionär Beethoven. Auch in der anschließenden Diskussionsveranstaltung mit dem provokanten Titel „Revoluzzer, Opportunist, Spielball der Mächtigen?“ bemühte sich Biba, das Bild vom politischen Künstler Beethoven zu relativieren. „Die Napoleon-Begeisterung Beethovens wird überbewertet“, befand er über den Komponisten, der seine dritte Sinfonie „Eroica“ ursprünglich dem französischen Feldherrn widmen wollte, und fügte als Pointe hinzu, dass Beethoven gerne Hofkapellmeister von Napoleon geworden wäre. Beethoven  habe in Paris an die guten Erfahrungen aus Bonn anknüpfen wollen. Biba: „Er sehnt sich zeitlebens nach Schutz und Geborgenheit von Frau und Familie, und er sehnt sich zeitlebens nach Schutz und Geborgenheit in höfischen Diensten, so wie er sie in seiner Jugend in Bonn kennengelernt hat.“

Beethovens geschäftlicher Coup

Weniger revolutionär als pragmatisch zeigte sich Beethoven auch, als er im Herbst 1808 ein Angebot von Napoleons Bruder, König Jérome Bonaparte von Westfalen, aus Kassel erhielt. Jérome bot dem Musiker eine mit 600 Dukaten großzügig besoldete Stelle als Kapellmeister am Kasseler Hof an. Beethoven nutzte das Angebot allerdings als Druckmittel, um für sich selbst etwas herauszuschlagen. Der Musiker aus Bonn trotzte dem Wiener Hochadel einen „Rentenvertrag“ über eine jährliche Zahlung von 4000 Gulden ab, damit er in der Stadt bliebe. Der Coup gelang. „Das war eine Entscheidung gegen das Revolutionäre, gegen Frankreich und seine Verbündeten und für Wien und den Kaiserstaat“, kommentierte Christine Siegert Beethovens cleveren Schachzug Beethovens in der Diskussionsrunde.

„Mein linkes Ohr so ziemlich erhalten“

Der taube Komponist ist ein anderes Klischee, das im Zusammenhang mit Beethoven gern bemüht wird. Doch auch dazu gibt es immer mal wieder neue Erkenntnisse. So ist der US-amerikanische Musikwissenschaftler Theodore Albrecht von der Kent State University in Ohio bei der Übersetzung von Beethovens Konversationsheften ins Englische über einen der ganz wenigen Einträge von Beethovens eigener Hand  gestolpert, der ihn stutzig werden ließ: Offenbar hatte der Komponist zufällig einen Leidensgenossen  getroffen, der ebenfalls ein Hörleiden hatte. Ihm gab er den Rat, möglichst auf Hörrohre zu verzichten.  Beethoven: „Durch deren Enthaltung habe ich mein linkes Ohr so ziemlich erhalten“, las Albrecht im Konversationsheft. Der Berliner „Tagesspiegel“ feierte Albrechts Entdeckung als Sensation und brandmarkte zugleich ein Versäumnis der hiesigen Musikwissenschaft: „Wie peinlich ist es für die ganze Regal-Wände füllende deutsche und deutschsprachige Beethoven-Forschung, auf diesen entscheidenden Unterschied zwischen dem ‚total tauben’ legendären und dem nur ‚sehr schwerhörigen’ realen Ludwig van Beethoven nicht selbst gestoßen zu sein?“

Christine Siegert hingegen nimmt’s gelassen und sieht Albrechts Erkenntnisse, die er am Montag auch in Bonn darlegte, weniger dramatisch. Seine Arbeit als Übersetzer schätzt sie sehr und vor allem auch seine wissenschaftlichen Kommentare. „Die Edition von Theodore Albrecht ist, was die Kommentierung betrifft, geeignet, zum Standardwerk auch für die deutsche Beethovenforschung zu werden.“ Mehr Anerkennung aus dem Munde einer Wissenschaftlerin geht nicht. Im Hinblick auf die Rückschlüsse auf Beethovens Hörvermögen in den letzten Jahren seines Lebens ist Siegert jedoch „etwas vorsichtiger“ als Albrecht.

Tatsächlich hatte Beethoven bereits sehr früh sein Leiden sehr präzise beschrieben, wie man in einem Brief aus dem Jahr 1801 an den Mediziner und Freund aus Bonner Tagen, Franz Gerhard Wegeler,  nachlesen kann: „Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt, nämlich mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden... nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort... Ich bringe mein Leben elend zu. Seit zwei Jahren meide ich alle Gesellschaften, weils mir nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub. Hätte ich irgend ein anderes Fach so gings noch eher, aber in meinem Fach ist es ein schrecklicher Zustand... Die hohen Töne von Instrumenten und Singstimmen höre ich nicht, wenn ich etwas weit weg bin, auch die Bläser im Orchester nicht. Manchmal auch hör ich den Redner, der leise spricht, wohl, aber die Worte nicht, und doch, sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich.“ Verschiedene HNO-Ärzte haben übereinstimmend diagnostiziert: Schwerhörigkeit, Tinnitus, Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust und eine Hyperakusis, eine Überempfindlichkeit für bestimmte Frequenzen. Und das schon mit 31 Jahren.

„Vielleicht wollte Beethoven seinem Leidensgenossen auch nur Hoffnung machen“, mutmaßt Siegert über Beethovens eigenen Eintrag in sein Konversationsheft. Sicher ist sie, dass der mögliche Unterschied zwischen einer völligen Ertaubung und einer möglichen minimalen Resthörfähigkeit auf dem linken Ohr für seine Arbeit als Komponist nicht relevant wäre. „Aus meiner Sicht ist es das Gleiche“, sagt Siegert. „Die Komposition ist erst einmal ein geistiger Akt.“

Der öffentliche Kongress „Beethoven-Perspektiven“ geht an diesem Freitag zu Ende. Ab 9 Uhr geht es im Kammermusiksaal unter anderem um „Beethoven als Musikrezipient“.