Saman Haddad lebt in Bonn die Integration Bonns Kültürminister

Bonn · Saman Haddad mag das Wort Integration eigentlich nicht. Und doch lebte er es in Bonn seit Jahren vor, wie das geht. Im Dienst der guten Sache verdingt er sich dann auch mal als Auktionator.

Freut sich schon auf das Auktions-Event in der Kunstbrennerei:  Saman Haddad ist eine Institution im Bonner Kulturleben.

Freut sich schon auf das Auktions-Event in der Kunstbrennerei:  Saman Haddad ist eine Institution im Bonner Kulturleben.

Foto: Benjamin Westhoff

Zum Ersten, zum Zweiten und …zum…Dritten!“ Am Samstag, 3. Dezember, ist es wieder soweit: Saman Haddad alias Salvador Ali schwingt den Auktionshammer bei der Benefiz-Versteigerung im Atelierhaus Kunstbrennerei an der Kölnstraße. Bonner Künstler haben Kunstwerke eingereicht, die meistbietend unter den Hammer kommen. „Der Erlös geht zur Hälfte an die Bonner Tafel und an die Kunstbrennerei“, erläutert Haddad. Die Heizkosten in der ehemaligen Likörfabrik explodieren, die dort arbeitenden Künstler brauchen Unterstützung, erklärt er.

Seit Jahren leitet Haddad dort kultverdächtige Kunstauktionen, bei denen man manchmal nur noch mitbietet, um zu hören, was ihm nun wieder einfällt. Der Mann redet ohne Punkt und Komma, lacht sehr viel. „Ich spiele gerne mit Zitaten wie ‚die Kunst verhält sich zur Natur wie die Traube zum Wein‘, meine Arbeit als Kunstauktionator ist eine Performance“, erzählt er. „Bei meiner ersten Auktion musste ich noch viel recherchieren, dabei habe ich viel gelernt“, sagt Haddad, der auch gerne Musikprojekte anstößt und singt, „obwohl ich keine Noten lesen kann“.

Als 13-Jähriger mit der Familie aus dem Irak gekommen

Das Verkaufen hat der Veranstaltungsmanager und Moderator von der Pike auf gelernt. Nachdem er in der 9. Klasse von der Schule abgegangen war, liebäugelte er zunächst mit dem Beruf Gas-Wasser-Installateur, „das war es nicht“. Er holte den Hauptschul- und den Realschlussabschluss nach, wurde zum Reiseleiter ausgebildet, war Kinder- und Sportanimateur, hat auf Kreuzfahrschiffen gejobbt, hat Events veranstaltet. „Das war eine neue Welt“, erzählt er. Er arbeitete bei der Fußball-WM 2006 für die Fifa in Dortmund, begleitete 2007 eine Wanderausstellung des Auswärtigen Amts durch 25 Städte Deutschlands. Ein anspruchsvoller Job für das quirlige Kommunikationstalent, das Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch beherrscht.

Als 13-Jähriger war Haddad mit seiner Mutter und seinen vier Geschwistern aus dem Irak nach Deutschland gekommen, der Vater musste schon vorher aus politischen Gründen fliehen. Die Familie kam 1995 zunächst nach Brühl: „Karneval war für mich erst ein Kulturschock, dann habe ich beim Zug vier blaue Säcke voll mit meinen Schwestern gesammelt – seitdem liebe ich den Karneval.“ Dann zog die Familie nach Bonn.

Eine Instanz in der Bonner Altstadt

In der Bonner Altstadt und im Bonner Norden ist Haddad heute eine Instanz, die Deutsche Welle nannte ihn einmal in einem Beitrag „Kültürminister“: Er hat das inzwischen kultige Kültürklüngel Orkestar und das Trio Golden Kebab mit Musik vom Balkan bis zum Iran gegründet, hat anlässlich des Beethoven-Jubiläums den Workshop mit Ensemble „1001 Takt – zwischen Bonn und Babylon“ ins Leben gerufen, der nach wie vor existiert und am vergangenen Samstag in der Bonner Oper einen Auftritt hatte, empfängt internationale Gäste in seiner „4telbar“, hat schon fast überall Konzerte organisiert.

Das Külturklüngel Orkestar spielte früher immer am Rosenmontag Straßenmusik. „Jedes Mal habe ich die Band neu aufgestellt, irgendwann wurde es eine feste Besetzung, dann ist das basisdemokratische Orchester häufiger aufgetreten.“ Da stehe die Freude im Vordergrund. Angeregt wurde Haddad durch die Kölner Band Skurrili, deren Genre sich „Straßen-Gypsy-Hardcore“ nennt und deren Motto „verstimmt, aber gut gelaunt“ heißt.

Die Kultursäulen Musik, Sport und Essen und Trinken

Das Wort Integration mag Haddad überhaupt nicht, obwohl er tagein, tagaus nichts Anderes macht. Der Begriff ist ihm zu trocken. Er möchte Integration leben, spricht lieber über Kommunikation, über seine elf Thesen. Da geht es etwa um die archaische Kultur der Gastfreundschaft und die ebenso alten Prinzipien der Mobilität, „die hat es schon immer gegeben“.

Städte, die wie Bonn an Flüssen liegen, seien immer schon Mischkulturen gewesen, erinnert Haddad, „und wir mischen mit“. Bonn habe 2015 eine Deklaration zur Weltoffenheit und Toleranz verabschiedet – daran erinnert Haddad ebenso wie an seine „drei großen Kultursäulen, mit denen ich immer arbeite“: Musik, Sport (oder Tanz) und Essen und Trinken. Die können ohne gemeinsame Sprache gemeinsam praktiziert werden. Seine Events baut er auf den drei Säulen auf. „Irgendwann liegen sich alle in den Armen“, sagt er.

„Durch das Machen kommt das Lernen“ ist eine weitere These, „und mit dem Lernen das Ändern und das Schwimmen gegen den Strom“. Und seine Forderung lautet: „Mehr Sport, mehr Musik, mehr kulinarische Events.“ So gehe Integration, sagt er – immer mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

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