Bonns Kultur muss mitsparen

Es werde keine "Exception culturelle" geben, drückt sich der designierte Bonner Kulturdezernent Martin Schumacher fein, aber unmissverständlich aus. Anders als unlängst im Land Niedersachsen werde in Bonn die Prämisse gelten: "Die Kultur muss mitsparen."

Bonn. Es werde keine "Exception culturelle" geben, drückt sich der designierte Bonner Kulturdezernent Martin Schumacher fein, aber unmissverständlich aus. Anders als unlängst im Land Niedersachsen, wo die Kultur bei der Kürzungsrunde ausgelassen wurde, werde in Bonn die Prämisse gelten: "Die Kultur muss mitsparen", sagte Schumacher dem General-Anzeiger.

Noch vor seinem Amtsantritt in Bonn am 1. Dezember sieht sich Schumacher mit einer heftigen Spardiskussion und der Marge konfrontiert, wahrscheinlich ab 2013 beim Theater Bonn jährlich 3,5 Millionen Euro einsparen zu müssen. Schumacher, der in die Überlegungen von Kämmerei und Stadtspitze nicht eingebunden war, wird mit Klaus Weise oder möglicherweise einer anderen Person bis 2013 einen neuen reduzierten Generalintendantenvertrag und damit wohl eine neue Theaterstruktur für Bonn aushandeln müssen.

"Bonn packt's an" Unter dem Namen "Bonn packt's an" richtet die Stadt ab Januar eine Sparliste für die Bürger im Internet ein. In Essen hieß eine ähnliche Initiative "Essen kriegt die Kurve". Nur 3 757 Menschen registrierten sich bis Mitte Mai 2010 und sprachen sich für moderate Streichungen bei der Kultur aus. 22 Millionen Euro Kürzungen hatte die Stadt vorgeschlagen. Das Volk im Netz fand nur 5,1 Millionen minus sinnvoll.Angesichts eines drohenden Nothaushaltes gebe es keine Alternative zum Sparen, sagte er, "das muss aber möglichst intelligent ablaufen, damit sich alle Beteiligten darauf einstellen können - wir wollen keinen Kahlschlag". Schumacher, der auch an der Formulierung des Bonner Kulturkonzepts beteiligt ist, mahnt zur Besonnenheit. Die Stadt müsse sich fragen, wie wichtig ihr die Kultur sei. Für Schumacher selbst sind "Kultur- und Bildungspolitik die intelligentesten Formen der Sozialpolitik". Besonnenheit fordert er aber auch von den Kultur-Akteuren: "Ich halte nichts vom großen Lamento, das schwächt alle Institutionen." Schumacher ist im Sparen nicht ungeübt: Als Finanzvorstand beim Goethe-Institut musste er drei Prozent jährlich kürzen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer "Kultur des Schrumpfens", die angesichts rückläufiger Bevölkerungszahlen und schmelzender Ressourcen angesagt sei.

Zur konkreten Bonner Theatersituation sagte Schumacher nur so viel: "Oper und Theater sind für die Stadt Bonn außerordentlich wichtig, wir werden beide Sparten erhalten, ich bin sicher, dass man das schafft."

Das sieht Generalintendant Klaus Weise ganz anders und macht eine einfache Rechnung auf: Seine "frei disponiblen Mittel" konzentrieren sich auf den künstlerischen Bereich (Regisseure, Kostümbildner, Materialkosten, Gäste) und summieren sich auf 3,6 Millionen Euro pro Jahr. "Der Rest ist fix gebunden." Wenn er also 3,5 Millionen sparen müsste, müsste er streng genommen den künstlerischen Betrieb einstellen. 212 000 Euro kostet im Schnitt eine der 17 Großproduktionen einer Spielzeit.

"Wir haben kein Potenzial mehr - wenn wir die Kammerspiele schließen, sparen wir rund 1,8 Millionen Euro, ich weiß nicht, wie wir auf 3,5 Millionen kommen sollen", sagte Weise. Er erinnert an immense Sparopfer - 14 Millionen Euro in den letzten zehn Jahren: "Es ist ja nicht so, dass wir nicht sparwillig wären, aber was wir da geleistet haben, ist einmalig in Deutschland." "Wir müssen über die Anzahl der Spielstätten diskutieren", sagt Weise. Er präferiert das Mainzer Modell mit allen Sparten unter einem Dach: "Da kann man sparen, ohne an die künstlerische Substanz zu gehen."

Manfred Beilharz, Bonner Generalintendant von 1992 bis 2002 und jetzt Chef des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, befürchtet das Schlimmste: "Es darf nicht sein, dass der Theateretat in Bonn weiter drastisch gekürzt wird. Das Theater, dem unter meinem Nachfolger Klaus Weise schon enorme Sparanstrengungen auferlegt wurden, darf nicht weiter kaputtgespart werden", warnt er und fragt: "Was soll eine 'Bundes- und Beethovenstadt' Bonn ohne ein Schauspiel?"

Mit scharfer Kritik hat auch der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, auf die Kürzungspläne reagiert. "Solche Überlegungen sind abwegig, unbedacht und destruktiv", sagte Bolwin. "Die Vorstellung, 3,5 Millionen Euro einzusparen, sei kein Problem, sind illusorisch", sagte Bolwin. Er rechnet mit "irreparablen Schäden". Rund 70 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, die Streichung werde auf Kosten des künstlerischen Personals gehen: "Die Spielfähigkeit des Hauses geht verloren."

Was kostet wie viel im Theater?Die geplante Kürzung des Etats ab 2013 um jährlich 3,5 Millionen Euro sollte man in Relation zu den Ausgaben des Theaters Bonn sehen.

  • So belaufen sich die Personalkosten (alle Zahlen: Saison 2009/10) auf fast 26 Millionen Euro, das sind 77 Prozent des Etats.
  • Der Etat des Theaters Bonn liegt gegenwärtig bei 34 Millionen Euro: 27 Millionen Euro steuert die Stadt bei, eine Million kommt vom Land, fast sechs Millionen werden etwa durch Eintrittskarten erwirtschaftet.
  • Es gibt eine Relation zwischen Etat, Personalstand und der Zahl der Vorstellungen: So lag im Jahr 2000 der Zuschuss bei fast 42 Millionen Euro, die Mitarbeiterzahl bei 570 und die Zahl der Vorstellungen bei 608. Drei Jahre später folgte eine heftige Sparrunde: 30,6 Millionen Euro, 435 Mitarbeiter und 577 Vorstellungen. Sieben Jahre später stehen 27 Millionen Euro städtischen Zuschusses 379 Mitarbeitern und 526 Vorstellungen gegenüber.
  • Was wird im Theater verdient? Die Minimalgage liegt bei 1 720 Euro, die Durchschnittsgage bei 3 270 Euro.
  • Ein aufwendiges Bühnenbild kann schon einmal 56 000 Euro (Ring-Musical) kosten.
  • Im Schnitt besuchen 184 000 Besucher pro Jahr die Bonner Bühnen.