Brillante Ausstellung über Lawrence von Arabien in Köln

Die brillante Ausstellung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum startet mit dem Ende, mit dem Mythos Lawrence, der noch zu Lebzeiten einsetzte, als der Journalist Lowell Thomas mit der Märchenshow "Lawrence of Arabia" auf Tour ging.

Köln. Pralle Action im Wüstensand, kühne Beduinen und in ihrer Mitte der verwegene Brite mit dem melancholischen Stahlblick, den jeder kennt, der sich von dem Orientdrama "Lawrence von Arabien" hat verführen lassen: Man betritt die gleichnamige Ausstellung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum buchstäblich durch diese Bilder, durch einen Riesen-Comic, der einen Riesen-Film zitiert.

Wie überhaupt alle unsere Bilder von Lawrence mit jenem fesselnden Wüstenepos von David Lean aus dem Jahr 1962, insbesondere von der Titelfigur Peter O'Toole geprägt sind.

Dreieinhalb Stunden Starkino mit Alec Guinness, Anthony Quinn, Jose Ferrer und Omar Sharif, sieben Oscars, Emotionen, Pathos und tolle Bilder. Die Millionen Fans, die im Kino geschwitzt und gebangt haben, störten sich nicht daran, dass an dem Film kaum etwas historisch richtig war. Sogar O'Toole war einen Kopf größer als der echte Thomas Edward Lawrence, der 1888 im walisischen Tremadoc geboren wurde.

"Kleopatra hat auch nie ausgesehen wie Liz Taylor, und doch sehen wir sie immer so", meint Kurator Detlef Hoffmann, der dennoch in Leans Kino-Epos einen wahren Kern findet: "Peter O'Toole hat Lawrence treffend als charismatische, zaudernde, immer wieder changierende Figur interpretiert".

Die brillante Kölner Ausstellung startet mit dem Ende, mit dem Mythos Lawrence, der noch zu Lebzeiten einsetzte, als der Journalist Lowell Thomas mit der Märchenshow "Lawrence of Arabia" auf Tour ging. Der Mythos blühte erst recht nach dem tragischen Tod des 46-Jährigen auf: Lawrence verunglückte mit seinem schweren Motorrad, einer Brough Superior. Die Zeitung Daily Sketch titelte am 20. Mai 1935 "Zu groß für Reichtum und Ruhm - der Soldat Lawrence stirbt, um ewig zu leben" und zeigte ein Foto des Motorradfahrers und eines des Beduinenkönigs Lawrence.

Wer war nun dieser Lawrence? Ein Charismatiker und Taktiker? Ein Aufschneider? Ein begnadeter Kosmopolit oder ein Operettenbeduine? Die Ausstellung beginnt mit dem Mythos und arbeitet sich dann Schicht für Schicht an die historische Figur heran, nicht ohne in Nebensträngen wunderschön das Orientbild des frühen 20. Jahrhunderts einzufangen und aktuelle Impressionen aus Jordanien und Syrien des Kölner Fotografen Boris Becker zu zeigen.

Lawrence selbst erscheint als begabter Fotograf und Chronist seiner Zeit, als kulturell und archäologisch sehr interessierter junger Mann, als Schriftsteller (Die sieben Säulen der Weisheit), als Homer-Übersetzer und "Ulysses"-Leser. Schon als 20-Jähriger wird er durch eine Studienreise für seine Bachelorarbeit vom Orient "angefixt".

Als Archäologe zieht es ihn immer wieder in den Nahen Osten, bevor er sich 1914 als Freiwilliger zur britischen Armee in Kairo meldet. Er wird Verbindungsmann zum Emir von Mekka, der sich gegen den osmanischen Sultan aufgelehnt hat. Das Osmanische Reich ist Kriegspartei an der Seite des Deutschen Reichs. Lawrence steht also inmitten eines großen europäischen Konflikts mit bis heute reichenden Folgen.

Vom Guerillakrieg an der Seite der Beduinen gegen die Hedschasbahn bis zu Schachzügen in einem undurchsichtigen Konflikt reichte Lawrences Rolle, der auch später noch als Berater bei den Friedensverhandlungen 1919 und 1921 in Paris und Kairo glänzte.

Wie tief war er in die britische Strategie involviert, was hat er letztendlich militärisch für das Empire und diplomatisch für die arabische Welt erreicht? Die exakte Beantwortung dieser Fragen geht in der faszinierenden Flut von Exponaten, zu denen auch ein Beduinenzelt und ein Motorrad gehören, unter. Das Panorama ist dennoch unbedingt sehenswert.

Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln; bis 11. September. Eröffnung: Freitag 19 Uhr. Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr. Kataloge 29,90 und 19,90 Euro

Der Blick der anderenDer britische Held, den 1935 Churchill und hohe Repräsentanten des Empires zu Grabe trugen, wurde in der Region, der er sich so innig verbunden fühlte, ganz anders gesehen: "Lawrence durfte in König Feisals Armee arbeiten", schreibt der jordanische König Abdullah, "er hat dafür Geld bezahlt. Er hat behauptet, der ungekrönte König der Araber geworden zu sein.
Und dass die Araber ohne ihn, den Vater der Revolution, nichts besäßen. In Wirklichkeit war er sehr von sich selbst überzeugt und ein merkwürdiger Mensch." Arabische Historiker sehen in dem Briten in erster Linie einen Spion, der sich unter der Maske eines Archäologen und Freundes der Araber versteckte und stets einzig die strategischen Interessen des Empire im Sinn hatte.

Laut Ausstellungskurator Detlef Hoffmann darf der Film "Lawrence of Arabia" in Jordanien nicht öffentlich gezeigt werden, in Syrien werde Lawrence gehasst. Bücher über ihn tragen Titel wie "König der Spione" oder "Lawrence al Arab auf der Linie Herzl. Geheimbericht".
In einem Punkt hat man sich arrangiert: Lawrence ist in Südjordanien, im legendären Wadi Rum oder dank den Resten der von ihm überfallenen Hedschasbahn Touristenmagnet Nummer eins.

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