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Installation im Kunstmuseum Bonn: Bürokratie ist alles

Installation im Kunstmuseum Bonn : Bürokratie ist alles

Die Kunstfonds-Stipendiatin Sung Tieu stellt in der Reihe „ausgezeichnet #5“ im Kunstmuseum Bonn aus. Ihre Installation „Fall“ erinnert an das Leben mit ihren vietnamesischen Eltern in der damaligen DDR. Es war ein Leben der zerplatzten Träume.

Corona hat den Karriereplan von Sung Tieu ganz schön durcheinandergewirbelt. Als sie 2019 die Jury der Bonner Stiftung Kunstfonds überzeugte und mit einem Stipendium bedacht wurde, war die 1987 in Vietnam geborene Künstlerin ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Im Herbst 2020 hätte sie ihre Ausstellung in der Reihe „ausgezeichnet“ im Kunstmuseum Bonn gehabt, ein effektvoller Karrierestart. Pandemiebedingt wurde die Schau um ein Jahr verschoben. Wenn sie nun unter dem Titel „Fall“ an diesem Mittwoch eröffnet wird, strahlt Sung Tieus Stern auch anderswo: Bis vor wenigen Tagen war sie mit ihrer Arbeit „Multiboy, Multiboy“ in der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig zu sehen; im Februar dieses Jahres wurden Sung Tieu und vier Kollegen von einer internationalen Jury für den renommierten Preis der Berliner Nationalgalerie 2021 nominiert, seit Mitte September ist sie in der Shortlist-Ausstellung im Hamburger Bahnhof-Museum für Gegenwart zu sehen. Siegerin wurde übrigens Sandra Mujinga in der vergangenen Woche. Sung Tieu kann sich noch Hoffnungen auf den Publikumspreis der bis Ende Februar 2022 laufenden Schau in Berlin machen.

Die Präsentationen in Berlin, Leipzig und Bonn kreisen gemeinsam um ein zentrales Thema, verriet die an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, am Londoner Goldsmiths College und an der Royal Academy of Arts ausgebildete Künstlerin am Dienstag vor der Presse. In drei Kapiteln geht es um die Biografie ihres Vaters, der im Zuge eines Abkommens der DDR-Führung mit Vietnam aus dem Jahr 1980 als „Vertragsarbeiter“ in den SED-Staat kam. Er sei ein intelligenter Student gewesen, der sich von dem ihm unbekannten Land positive Impulse erhoffte, erzählt sie, und dann doch „nur stumpfe Arbeit“ leisten musste. Viele Träume zerplatzten im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat. 

Eine Reflektion von Strukturen

Doch Sung Tieu hat keinen Zeitzeugenbericht im Sinn, ihre Installation im Kunstmuseum reflektiert vielmehr Strukturen und eine allgemeine Stimmung in einem durch und durch bürokratischen, emotionsfreien Raum. Die Anwerbung der Menschen aus Vietnam war ein kühler Verwaltungsakt. Anreise, Transport in die jeweiligen Volkseigenen Betriebe (VEB), Tagesablauf, Aufenthaltsdauer waren streng reglementiert. Zwischen 70 000 und 100 000 Vietnamesen sollten in der DDR arbeiten, aber nicht heimisch werden, geschweige denn im Land eine Familie gründen. Willkommenskultur: Fehlanzeige. Im Westen war die Gastarbeiterproblematik kaum anders gelagert, was den Autor Max Frisch in den 1960er Jahren zu dem Ausspruch trieb: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen... .“

Sung Tieus Interieur wird von riesigen grauen Styroporelementen dominiert, die an Verpackungen für Elektromaschinen erinnern. Schützende Hüllen für Produkte. Grau und kompakt könnte man darin auch Bunkerrelikte, Grenzbefestigungen oder Betonhindernisse sehen. In Leipzig hat die Künstlerin die Elemente zu einem „Dom“ zusammengebaut, einem eher düsteren Gehäuse, vielleicht auch Schutzraum.

Unwirtliche Styroporlandschaft

In der Bonner Schau beherbergt die unwirtliche Styroporlandschaft Geräte, wie sie von vietnamesischen Vertragsarbeitern im Dresdner VEB Kombinat Robotron, der größte Computerhersteller der DDR, oder im VEB Stern-Radio Berlin, Dachorganisation für die Rundfunkgeräte-Fabrikation der DDR, zusammengeschraubt wurden: ein rauschendes Kofferradio, ein Computer, ein flimmernder Fernseher. Über Ebay hat die Künstlerin die Elektronik-Relikte aus dem SED-Staat erworben. 

An der Wand hängen künstlerisch veränderte Dokumente aus dem Bundesarchiv in Lichterfelde, die der Ausstellung ihren Namen gaben: „Fall“. Es handelt sich um einen bürokratischen Vorgang, bei dem minutiös die „Festlegung zur Ausarbeitung von Konzeptionen zur Ablösung der in den Betrieben der DDR beschäftigten ausländischen Werktätigen“ eingehalten werden soll. Garniert ist die „Festlegung“ mit einem Jägerzaun-Motiv, dieser typisch deutschen Form von Abgrenzung gegen alles und jeden.

Kunstmuseum Bonn, bis 12. Dezember. Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Eröffnung: Mittwoch, 13. Oktober, 19 Uhr. Anmeldung unter www.kunstmuseum -bonn.de. Kuratorinnenführung mit Barbara Scheuermann am 7.11.