Erste und fünfte Sinfonie Beethovens CD-Tipp: Blunier und Beethoven Orchester Bonn starten Zyklus

Bonn · Es wäre einmal interessant zu erforschen, wie lang ein CD-Regal sein müsste, um alle Gesamteinspielungen der Sinfonien Ludwig van Beethovens aufnehmen zu können. Allein Herbert von Karajan würde hier mit drei offiziellen Beiträgen zu Buche schlagen. Kaum ein Dirigent von Rang, der sich nicht an der Herkulesaufgabe eines Beethoven-Zyklus versucht hätte.

Stefan Blunier dirigiert das Beethoven Orchester.

Stefan Blunier dirigiert das Beethoven Orchester.

Foto: Schnetz

Hinzu kommen noch unzählige Aufnahmen einzelner Sinfonien. Die Interpretationsgeschichte der Sinfonien Beethovens ist, jedenfalls für das 20. und 21. Jahrhundert, bestens dokumentiert. Zwischen Wilhelm Furtwänglers romantisch-machtvollem Orchesterklang und der schlanken Geschmeidigkeit eines Paavo Järvis scheinen dabei alle Interpretationsmöglichkeiten abgedeckt. Überraschungen sind in Sachen Beethoven erst einmal nicht mehr zu erwarten.

Erscheint das Projekt einer weiteren Gesamtaufnahme vor diesem Hintergrund überhaupt noch sinnvoll? Im Fall des Beethoven Orchesters muss die Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Denn solch ein Klangdokument gibt Auskunft darüber , wie man es in der Geburtsstadt Beethovens mit dessen Musik hält; ein Zyklus ist eine musikalische Positionsbestimmung. Orchester wie die Berliner und die Wiener Philharmoniker nehmen sich die Partituren alle paar Jahre vor.

Für den Start des Zyklus hat Bonns Generalmusikdirektor Stefan Blunier die erste und die fünfte Sinfonie ausgewählt. Erschienen ist die CD, wie alle Aufnahmen des Beethoven Orchesters, bei der Musikproduktion Dabringhaus & Grimm. Es fällt auf, dass sich Blunier offenbar nicht so einfach in eine Interpretationsschublade stecken lassen möchte, wie es etwa bei Paavo Järvi und Christian Thielemann der Fall ist.

Paavo Järvis Beethoven-Stil gilt als "historisch informierte Aufführungspraxis", Thielemanns hingegen könnte man als "romantischen Subjektivismus" bezeichnen. Beide stehen für extreme Auffassungen und unterscheiden sich diametral. Blunier bewegt sich dazwischen: Seine Tempi sind nicht so rasant wie bei Paavo Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, aber auch nicht so breit wie es Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern vorexerziert.

Bei der langsamen Einleitung der ersten Sinfonie wird schon sehr deutlich, dass Blunier sein Orchester nicht als verkapptes Originalklang-Ensemble klingen lassen möchte, wie es etwa Riccardo Chailly in der Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien mit dem Leipziger Gewandhausorchester auf durchaus brillante Weise gelingt. Blunier steht zum traditionellen Klangbild des Orchesters, ohne dass er dabei wie Thielemann den Komponisten Beethoven zum Wagner- und Bruckner-Vorfahren degradiert.

Unmotivierte Ritardandi stören diese klanglich sehr schön aufbereitete Einspielung ebenso wenig wie theatralische Betonungen um des puren Effektes Willen. Das Andante und das Menuett der Ersten verströmen einen unwiderstehlichen Charme, das Finale kommt zugleich druckvoll und doch mit einer gewissen verspielten Leichtigkeit daher.

Den berühmten Beginn der fünften Sinfonie definiert Blunier sehr klar; er besitzt Wucht und Kraft, wobei hier die Hörner ihre herausgehobene Aufgabe ganz besonders beeindruckend bewältigen (wie später erneut im dritten Satz). Auch in dieser Sinfonie geht es Blunier nicht darum, klangliche Extreme auszureizen. Diese Haltung verleiht dem zweiten Satz, dem Andante con moto, einen starken inneren Halt. Die variierenden Themenabschnitte entfalten sich auf sehr natürlich wirkende Weise, nichts erscheint hier gewollt oder unlogisch.

Im dritten Satz beeindruckt vor allem der Streicherklang im fugierten Beginn des Trios oder die sensibel gestaltete Pizzicato-Passage vor dem geheimnisvollen Übergang zum strahlenden Finale. Dass Blunier hier die Wiederholung des ersten Abschnitts ignoriert, ist ein bisschen bedauerlich. Klanglich und in seiner dramatischen wucht lässt das Finale aber kaum etwas zu wünschen übrig.

Mit diesem Auftakt zur Gesamteinspielung hinterlegt das Beethoven Orchester eine beeindruckende Beethoven-Visitenkarte. Auf solchem Niveau wäre eine Aufnahme unter den Vorgängern Bluniers sicher nicht zu realisieren gewesen.

Ludwig van Beethoven: Sinfonien Nr. 1 und 5, Beethoven Orchester, Stefan Blunier, Dirigent, Dabringhaus & Grimm MDG 937 1756-6

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