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Clint Eastwood - Cry Macho: Filmkritik

„Cry Macho“ neu im Kino : Clint Eastwood hat mit 91 noch immer Lust auf Film

Auch mit 91 Jahren von ungebrochener Schaffenskraft: Clint Eastwood geht in „Cry Macho“ mit einem Jungen auf die konfliktreiche Reise von Mexiko nach Texas. Das lohnt das Hinsehen.

„Du bist zu spät“ sagt der Chef zu Mike Milo, als er am fortgeschrittenen Vormittag zur Arbeit antanzt. Der Angestellte wird von Clint Eastwood gespielt, und für ihn ist es bekanntlich nie zu spät, noch einmal einen Film zu drehen. 91 ist der Mann und blickt auf 66 Dienstjahre in Hollywood zurück. 18 Regiearbeiten hat Eastwood allein in den letzten zwei Jahrzehnten abgeliefert, und manchmal tritt er auch noch vor die Kamera. So wie jetzt in seinem neuen Film „Cry Macho“.

Der Cowboyhut sitzt immer noch fest auf dem Kopf. Das Hemd flattert im Wind um den hageren Körper. Der Gang wirkt etwas hüftsteif, aber das könnte auch zur Rolle gehören. Denn Eastwood spielt hier einen ehemaligen Rodeo-Reiter, dessen Karriere bereits in jungen Jahren durch einen Sturz ein jähes Ende nahm. Frau und Kind hat er bei einem Autounfall verloren. Alkohol und Drogen kamen hinzu. Der Job auf der Pferde-Ranch hat ihn gerettet. Aber damit ist jetzt Schluss. „Du bist für niemanden ein Verlust“ sagt Howard (Dwight Yoakam) und feuert ihn, nur um ein Jahr später wieder vor seiner Tür zu stehen. Mike soll nach Mexiko reisen und Howards Sohn über die Grenze in die USA bringen. Der 13-Jährige werde von seiner Mutter misshandelt und drohe auf die schiefe Bahn zu geraten. Mike lässt sich auf den Auftrag ein, weil er dem früheren Boss mehr als einen Gefallen schuldet.

Bodyguards und korrupte Polizisten auf den Fersen

In Mexico City hat die wohlhabende, einflussreiche Mutter (Fernanda Urrejola) keine Ahnung, wo sich ihr Sohn herumtreibt. Beim illegalen Hahnenkampf findet Mike den Jungen. „Man darf niemanden vertrauen“, sagt Rafo (Eduardo Minett), der lieber auf der Straße als zu Hause lebt, wo die Liebhaber der Mutter ihn regelmäßig grün und blau schlagen. Der Junge will nach eigenem Bekunden ein echter Macho werden, und „Macho“ hat er auch seinen Kampfhahn getauft, den er immer bei sich hat. Dennoch willigt er schließlich ein, mit Mike zu seinem Vater nach Texas zu gehen, den er mehr als sechs Jahre nicht mehr gesehen hat. Aber die Mutter setzt ihre Bodyguards und korrupte Polizisten auf die Flüchtigen an, und so nimmt ein moderat abenteuerliches Roadmovie seinen Lauf. Es gibt die ein oder andere Verfolgungsjagd, eine Hand voll brenzliger Situationen, aber hauptsächlich geht es in „Cry Macho“ um die Annäherung zwischen dem alten Mann und dem Jungen.

Mit einem Schuss Selbstironie

„Dieses ganze Macho-Ding wird überbewertet“, sagt Mike zu dem Jugendlichen und dass es ihm damals als Rodeo-Reiter nur Unglück gebracht habe. Da schmunzelt ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte mit. Denn bis heute gibt es wohl kaum einen Schauspieler, der in seinem Lebenswerk das Bild des Machos stärker geprägt und gleichzeitig unterminiert hat als Clint Eastwood.

Dazu passt, dass das Drehbuch auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Anfang der 80er hatte man Eastwood bereits die Rolle angeboten. Aber der damals 50-Jährige hielt sich noch zu jung für den Part und drehte lieber noch einmal einen „Dirty Harry“-Film. Von Robert Mitchum bis Arnold Schwarzenegger waren einige Alpha-Männer im Gespräch, aber das Projekt kam nie zustande. Ein Glücksfall, möchte man rückblickend sagen, denn der Eastwood von heute bringt als hoch betagter Cowboy genau die richtige Mischung zwischen Stärke und Fragilität mit.

Dabei tut der alte Mann, wenn es darauf ankommt, immer noch das, was getan werden muss: den Gegner mit einem gezielten Faustschlag oder vorgehaltener Pistole in die Flucht zwingen, Autos und eine alte Jukebox reparieren, Pferde satteln, Tiere verarzten und das Herz einer mexikanischen Cantina-Besitzerin mit seiner Aura der Verlässlichkeit zum Schmelzen bringen.

Auch wenn er kein Macho sein will – ein echter Kerl war, ist und bleibt Clint Eastwood eben bis zum Schluss. Filmbühne