Meron Mendel im Haus der Geschichte in Bonn Das Bekenntnis zu Israel reicht nicht aus

Bonn · Meron Mendel redet im Bonner Haus der Geschichte über sein aktuelles Sachbuch „Über Israel reden“. Das Publikum betritt mit ihm zusammen ein ewiges Spannungsfeld.

Direktor der Bildungsstätte Anne Frank: Meron Mendel.

Direktor der Bildungsstätte Anne Frank: Meron Mendel.

Foto: picture alliance/dpa/Swen Pförtner

„Deutschland hat mich schon immer fasziniert“, sagt Meron Mendel im Bonner Haus der Geschichte. „Vielleicht auch, weil es in meiner Familie immer ein Tabu war.“ Das Wort „Tabu“ wird an diesem Abend oftmals fallen. Zu erleben ist ein israelischer Intellektueller mit einem erfrischend kritischen Blick auf die derzeitige Regierungspolitik in seinem Geburtsland – und einer ebenso erhellenden Sicht auf die deutsch-israelischen Befindlichkeiten. Im Gespräch mit Harald Biermann, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, stellt Mendel sein aktuelles Sachbuch „Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ vor.

Mendel wurde 1976 in Ramat Gan im Bezirk Tel Aviv geboren und wuchs buchstäblich in der Wüste auf, in einem Kibbuz. „Ein Ort, an dem es keine Extremisten gibt – da ist die Friedensbewegung zu Hause“, erinnert sich der Historiker, Publizist und Pädagoge bei seinem Besuch in Bonn. „Aufgewachsen sind wir dort noch mit dem Erzfeind Jassir Arafat.“ Das Wort „Erzfeind“ spricht Mendel mit hörbaren Anführungszeichen. 1995, in dem Jahr der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, kam Mendel zum Militär. Zunächst bei der Golani-Brigade, später in Hebron stationiert. „Dort kommt die gesamte Problematik in einer sehr extremen Form zum Ausdruck“, beschreibt Mendel den Ort im Westjordanland. „Die dortigen Siedler sind die fanatischsten Fanatiker. Wir mussten die Palästinenser vor den Siedlern schützen.“

Aktiv im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus

Sein in Haifa begonnenes Studium der Geschichte setzte er ab 2001 in München fort, seit 2003 lebt er in Frankfurt am Main, wo er an der Goethe-Universität über die Lebensrealitäten jüdischer Jugendlicher in Deutschland promovierte. 2010 übernahm Mendel die Leitung der Bildungsstätte Anne Frank – damals noch ein eher kleiner Stadtteilverein, inzwischen eine der bundesweit führenden Organisationen im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Zusammen mit seiner Ehefrau Saba-Nur Cheema verfasst er regelmäßig die geistreiche wie unterhaltsame „Muslimisch-Jüdische Kolumne“ für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Überdies ist Mendel seit 2021 Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences mit dem Schwerpunkt Transnationale Soziale Arbeit. Wie gesagt: ein Intellektueller mit sympathischem Auftreten, der sich selbst als israelischen Linken bezeichnet.

Lediglich sieben Prozent der Deutschen, sagt Mendel, hätten Israel besucht. Da hebt die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel den Schnitt mit ihren insgesamt acht Besuchen. „Und das, obwohl sie in der dezidiert israelfeindlichen DDR aufgewachsen ist.“ Mendels aktuelles Werk „Über Israel reden“ zählt zu den acht nominierten Titeln für den Deutschen Sachbuchpreis 2023; der Gewinner wird am 1. Juni in der Hamburger Elbphilharmonie bekannt gegeben.

Für offenere Beziehungen

Im Haus der Geschichte plädiert Mendel für eine offenere und mutigere Ausgestaltung der deutsch-israelischen Beziehungen. Stichwort: der Schutz Israels als deutsche Staatsräson. „Ich warte noch auf den deutschen Politiker im Kabinett, der es wagt, das infrage zu stellen. Das wäre spannend.“ Außerdem: „Wir müssen uns von dem Impuls ablösen, ständig über eigene Befindlichkeiten nachzudenken. Hier ist hier und dort ist dort.“

Mendel gehen die etablierten Standardformeln nicht tief genug: „Das Bekenntnis zu Israel ist kein Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland.“

Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 22 Euro