Premiere: "La Bohème" in Bonn Das gar nicht süße Leben

Bonn · Beifall und Buhs für Jens-Daniel Herzogs Bonner Inszenierung von Giacomo Puccinis „La Bohème“. Als Mimi begeistert die Sopranistin Sumi Hwang.

 Einsam und verlassen: Mimi (Sumi Hwang) vor dem Amüsierzelt „La vie douce“.

Einsam und verlassen: Mimi (Sumi Hwang) vor dem Amüsierzelt „La vie douce“.

Foto: Thilo Beu

Noch bevor die Musik beginnt, sieht man einen alten Mann (Volker K. Braun) über die Bühne schleichen, ein armer Schlucker, dessen Kleidung schon bessere Tage gesehen hat. Vor einem Mülleimer bleibt er stehen, beginnt darin zu wühlen und fördert eine gut erhaltene Jacke zutage. Er wirft seinen ollen Mantel in hohem Bogen von sich und zieht die Jacke über. Sie ist, so stellt sich heraus, eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Der Alte trug sie einst selbst, als er ein junger – schon damals mittelloser – Dichter war (Kostüme: Sibylle Gädeke).

Dortmunds Opernchef Jens-Daniel Herzog erzählt in seiner Bonner Neuinszenierung Giacomo Puccinis „La Bohème“ aus der Perspektive des greisen Rodolfo, der die tragische Geschichte um ihn selbst und seine todkranke Geliebte Mimi in seiner Erinnerung rekonstruiert. Herzog verlegt die Jugend des Bohemiens in die Zeit der Pariser Studentenrevolte. Man lebt nicht in einer Dachmansarde, sondern in einer leer geräumten Fabrikhalle (Bühne: Mathis Neidhart). Wenn Rodolfos Mitbewohner Marcello vom „Roten Meer“ spricht, das er mit klammen Fingern zu malen versucht, hält er ein rötliches Che-Guevara-Plakat in den Händen. Wie überhaupt Herzog nicht mit Anspielungen und Symbolen auf die Zeit einer extrem politisierten Jugend geizt.

Im zweiten Bild, wenn das Café Momus als Imbisswagen auf die Bühne geschoben wird, zeichnet er diese Generation als rücksichtslose Gesellschaft, in der selbst die Kinder extrem gewaltbereit sind: Sie treten und verspotten den armen und dazu noch blinden Spielzeughändler Parpignol, bis er am Boden liegt. Der im Quartier Latin herrschende, ausgelassene Weihnachtstrubel (den der von Marco Medved glänzend vorbereitete Opernchor gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendchor unter der Leitung von Ekaterina Klewitz kraftvoll anheizt) lässt sich in dieser Inszenierung als Aufstand deuten, der von den anrückenden Gendarmen niedergeknüppelt wird. Dass am Ende Musettas reicher Begleiter Alcindoro im Café Momus die Zeche zahlen muss, ist ganz im Sinne dieser linken Boheme.

Trotz ihrer politischen Überzeugung sind sie aber keine wirklichen Wohltäter. Das kriegt nicht nur Marcellos Geliebte Musetta zu spüren, die im dritten Bild in dem billigen Zelt-Etablissement „La vie douce“ anschafft, sondern vor allem die vom Tod gezeichnete Mimi, deren Krankheit die Fähigkeit zu Mitgefühl und Menschlichkeit Rodolfos (und seiner Freunde) überfordert. Die Liebe zu Mimi bleibt in Herzogs Inszenierung jedoch seltsam unterbelichtet. Man erfährt nicht, was beide aneinander bindet, sondern nur, was sie entzweit. Das ist vielleicht die größte Schwäche der Inszenierung, die auch insgesamt in der Zeichnung der Charaktere und in der Personenregie hinter Dietrich Hilsdorfs grandioser „Bohème“ von 2007 zurückbleibt.

Für die großen Gefühle ist die Musik zuständig. Jacques Lacombe, dem neuen Chefdirigenten an der Oper, und dem Beethoven Orchester gelingen Momente größter Zärtlichkeit, vor allem in den Soli. Im ersten Akt begleiten sie ebenso geschmeidig wie pointiert die Gespräche der Freunde, im Quartier Latin wirkt die Musik ungemein zupackend. Und der tragische Schluss des Dramas geht nicht zuletzt wegen der Klänge aus dem Orchestergraben unter die Haut.

Aber natürlich berührt der Schluss auch wegen der großartigen sängerischen Leistung von Sumi Hwang, die als Mimi seelenvolle, leise Töne formt und im Forte ausdrucksvoll strahlt. Rodolfo ist mit dem Tenor Felipe Fojas Velozo stimmlich ebenfalls großartig besetzt. Er stemmt die Spitzentöne der Partie mühelos und bringt auch die emotionale Qualität überzeugend herüber. Etwas präsenter dürfte die musikalisch durchaus schön phrasierende Marie Heeschen als Musetta sein. Giorgos Kanaris überzeugt als viriler Marcello und auch Martin Tzonev (Colline) und Ivan Krutikov (Schaunard) machen ihre Sache vortrefflich – ebenso Aldo Tiziani (Benoit), Sven Bakin (Alcindoro) und Soonwook Ka (Parpignon). Für sie alle gab es am Premierenabend viel Applaus. Nur für den Regisseur übertönten einige kräftige Buhrufe den Beifall.

Weitere Termine:2., 7., 15., 21. Oktober, 11., 20., 25. November, 4., 8., 26. Dezember, 6. Januar 2017, 2., 8. und 17. April.

Karten in den Bonnticket-shops der GA-Zweigstellen.

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